Die besten Besten und die richtigen Richtigen

Essay5. Juni 2016, 10:00
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Am kommenden Freitag beginnt in Frankreich die Europameisterschaft. Der Schweizer Teamchef Marcel Koller hat dafür die Besten nominiert

Österreich, so die gängige Lehre vom kontinentalen Ballestern, nimmt heuer erstmals in der Geschichte mit sportlichem Fug und Recht an einer Fußball-Europameisterschaft teil. Denn zuletzt, 2008, ist man ja bloß als Gastgeber, gewissermaßen gnadenhalber, dabei gewesen. Erstmals überhaupt. Österreich und Europa – so erzählt man es sich ja nicht nur beim Fußball – sind seit je zwei verschiedene Paar Schuhe gewesen.

Doch wie alles, was Österreich betrifft, ist auch das nur fast wahr. Denn einmal – 1932 war das, zu Zeiten des Wunderteams – ist Österreich ja sogar schon veritabler Europameister gewesen. Und auch wenn man zugestehen muss, dass dieser 1927 ins Leben gerufene und bis 1960 in fünf Durchgängen unter allerlei verschiedenen Namen gespielte Coupe Internationale Européenne eine schon sehr lange zurückliegende und darüber hinaus eher behäbige Angelegenheit war – eine im Meisterschaftsmodus ausgetragene, sich über Jahre hinziehende Entscheidungsfindung –, so sollte dennoch nicht vergessen werden, dass daran die spielstärksten Nationalteams des Kontinents teilnahmen.

Österreich matchte sich mit Italien, Ungarn, der Tschechoslowakei und der Schweiz, die damals allerdings als bloßer Punktelieferant gegolten hat – beziehungsweise schon auch als Hoffnungsmarkt. Die Schweiz war wohlhabend, im Vergleich zum kriegsversehrten Mitteleuropa sogar über alle Maßen reich.

Nichts Besseres konnte also passieren, als die Eidgenossen herüberzuziehen ins Lager der Berufsfußballer, die sich seit Mitte der 1920er-Jahre formiert haben. Ausgehend von Wien, wo der Zampano Hugo Meisl mit autokratischer Grandezza den einschlägigen Ball ins Rollen brachte und dafür mit allerlei Boykott-Ungemach der hehren Fundamentalamateuristen – Deutschland allen voran – zu rechnen hatte.

Drei Denkschulen

Die große europäische Fußballwelt zerfiel in diesen Jahren – den 1920ern – in drei Denkschulen: die dem englischen Vorbild folgenden Professionellen des "calcio danubiano" (Österreich, Tschechoslowakei, Ungarn), die Scheinamateure (Deutschland) und die Staatsamateure wie im Mussolini'schen Italien – Letzteres eine Denkrichtung, die nach dem zweiten Krieg im roten europäischen Osten zur gängigen Praxis wurde.

In all diesen Denkschulen ging es freilich gleichwohl ums Gleiche. Alfréd Schaffer, der erste handaufhaltende Wanderkicker des Kontinents, hat das in die bis heute gültige Fußballerweisheit gegossen: "Ich spiele in jeder Währung." Und das tat der in Pressburg geborene Schaffer tatsächlich. Kickte sich in Kronen, Pengo, Schilling, Mark und Schweizerfranken durch den ballesterischen Kontinent, ganz egal ob er das als Profi oder Scheinamateur tat.

Um aber solche, wie Schaffer es gewesen ist, bei jener Laune zu halten, die alle Fans bis heute goutieren, war es notwendig, möglichst attraktive und also lukrative Partien auszutragen. Matches, in denen es gegen im Wortsinn sehenswerte Gegner ums Eingemachte ging und nicht bloß um des Kaisers Bart.

So erfand man sich halt Wettbewerbe, bei denen vordergründig formschöne Pokale zu gewinnen waren, die aber vor allem auch reichlich gefüllt waren mit Kronen, Pengo, Schilling, Schweizerfranken und Lire, gespeist aus Ticketverkauf, Werbung und Sponsoring. So dazumal, so heutzutage.

Dieser Grundton aller höheren Ballesterei – Her mit dem Zaster! Her mit der Marie! – führte dazu, dass die Donau-Professionalisten sich 1927 in Venedig mit den italienischen Staatsamateuren auf die Austragung internationaler Wettspiele untereinander geeinigt haben.

Der Bewerb für Klubmannschaften, der Coupe de l'Europe Centrale, war auf Anhieb ein solcher Erfolg, dass Friedrich Torberg seiner Tante Jolesch ins Stammbuch schreiben konnte, es sei nur dann ein echtes Mitropa-Match, wenn es auf der Botschaft zu Ende gespielt werde.

Schöne Reklame

Da ging es um eine sehr schöne Trophäe, welche die allegorische Figur zeigt, die den Wiener Donnerbrunnen krönt: die Providentia, die Vorsehung. Dass der Volksmund die Angelegenheit Mitropa-Cup nannte, war freilich kein Zufall. Mitropa hieß eine Schlaf- und Speisewagen AG, die eine schöne Reklame darin sah, den werbewirksam von Hin- zu Rückspiel reisenden Mannschaften finanziell ein bisserl beizustehen.

Der zeitgleich ins Leben gerufene Coupe Internationale Européenne für Nationalteams – der nach dem Stifter der Trophäe, dem tschechoslowakischen Ministerpräsidenten Antonín Svehla auch Svehla-Cup genannt wurde – tat sich da ein wenig schwerer. Aber auch dieser Bewerb – zweimal ging der Pokal nach Italien, einmal eben nach Österreich – begann sich nach und nach durchzusetzen als Fixpunkt im ballesterischen Jahreskreis, der, hätte der Irrwitz dem Spielwitz nicht den Garaus gemacht für viele finstere Jahre, wohl bruchlos ins Heutige gewachsen wäre.

Der vierte, 1936 gestartete Durchgang des Svehla-Cups aber wurde nach sieben Runden abgebrochen. Die letzte Partie hat am 3. April 1938 in Basel stattgefunden. Die Schweiz besiegte die Tschechoslowakei überraschend deutlich 4:0. Aber ohne Österreich, das es seit dem 12. März ja nicht mehr gab, war die Sache sozusagen nur noch halbert und damit gar nix.

Goldene Mannschaft

1938 wäre Ungarn mit seinem überragenden György Sárosi wohl unangefochten Europameister geworden. Damit mussten die Magyaren nun, da die Welt in Brand gesteckt worden war, allerdings bis ins Jahr 1953 warten, als ihre staatsamateuristische Goldene Mannschaft der Fußballwelt – immer noch England also – nicht nur einen Haxen ausgerissen hat, sondern mit auswärts 6:3 und daheim 7:1 gezeigt hat, wo Gott wohnen würde, hätte es Gott damals noch gegeben.

1954, als im Vorfeld der Schweizer Weltmeisterschaft in Basel der Europäische Fußballverband, die Uefa, gegründet wurde, hat man dann die Durchführung einer erstmals europaweiten Europameisterschaft im Cupmodus beschlossen. Einen Durchgang des nunmehr nach dem 1954 verstorbenen ÖFB-Präsidenten und Justizminister Josef Gerö benannten Bewerbs gab es aber noch. Da kürte sich die Tschechoslowakei zum diesbezüglich letzten, die mitteleuropäische Fahne schon nur noch müde schwingenden Europameister.

Ab dann ging es endgültig – an Mitteleuropa meist vorbei – ins Heute. Schon 1958 startete die im Cupmodus ausgetragene Qualifikation für die Endrunde 1960 in Frankreich. Diese startete mit dem Halbfinale. Österreich, strotzend vor Zuversicht, scheiterte bereits im Viertelfinale. Dort aber gleich ordentlich. Das sogenannte zweite Wunderteam unter Teamchef Karl Decker unterlag Frankreich mit einem Gesamtscore von 4:9.

Eigener Saft

Europameister – nach gängiger Lehre also der erste Europameister – wurden die Staatsamateure aus der Sowjetunion. Für Österreich aber begann nun jene bleierne Zeit, in der das Land es vorzog, im eigenen Saft selbstbezüglich – um nicht zu sagen – befriedigt – dahinzuschmoren.

Das galt nicht nur fürs Fußballspielen. Aber hier, wo jede Selbstbeweihräucherung sich unmittelbar rächt, weil sich die outrierende Eigenliebe ja nur als eklatante Spielschwäche zu äußern vermag, ganz besonders. Österreich vollführte, allen durchaus vorhandenen Anstrengungen zum Trotz, von den 1960er-Jahren bis hinein ins neue Jahrtausend einen wahren Veitstanz auf jenem Schwebebalken, der zwischen der Bries- und der Badkickerei aufgestellt worden ist. Man genügte sich selbst.

Allfällige Fortschritte wurden stets eingeleitet, wenn nicht gar begleitet durch siebeng'scheite, besserwisserische Rückgriffe. Und die ballesterische Geschichtsschreibung glich zunehmend einem Heraufbeschwören eh nie wirklich stattgehabter Spitzenreiterei, bis sie endgültig in einem weit in unser Jahrhundert nachhallenden Schrei kulminierte. "I wer' narrisch!"

Seit damals, seit den 1960er-Jahren, verbringt Österreich – nicht nur ballesterisch – sein Dasein im Konjunktiv. Wenn es beim Fußballspiel hapert, bleibt nur noch das Sprachspiel. Innerhalb dessen scheint es dann zum Beispiel auch logisch, dass, ist man in Schönheit gestorben, man eh praktisch gewonnen hat.

EM-Quali für EM-Quali hat das österreichische Team solcherart praktisch gewonnen, wobei aber zunehmend der einzige Trost dabei verlorenging, das In-Schönheit-Sterben. Und allmählich hat man dann auch angefangen aufzuhören, von den Teamspielern als "Internationale" zu reden.

In jener Zeit, in der Österreich sich zunehmend selbst genügte – nach den frischeren 1970ern gilt das nicht nur für den Fußballsport –, etablierten sich in Europa nicht nur die Großen als Größen. Immer wieder gelang es Österreich vergleichbaren Ländern, sich einschlägig in Szene zu setzen.

Der mögliche Vergleich mit den Niederlanden verbot sich zwar bald, aber was machte die Tschechoslowakei anders, die 1976 – finales Elferschießen gegen Deutschland, Panenka, Schlenzer – Europameister wurde. Oder Griechenland 2004? Und Dänemark?

Dänemark! Die Dänen spielten für die EM 1992 in Schweden in derselben Qualifikationsgruppe wie Österreich. Gruppensieger wurde zwar Jugoslawien unter Coach Ivica Osim, das aber wegen des Krieges kurzfristig ausgeschlossen wurde. Dänemark, nachnominiert, kam als Zweiter aus dem schon angetretenen Urlaub zum Europameistertitel – "We are red, we are white, we are Danish dynamit".

In Österreich, das zu dieser Zeit von einem Ligaformat gequält worden ist, das etwas wie "mittleres Playoff" vorgesehen hat, leckte man da noch eine besonders tiefe Wunde, das 1990 erlittene 0:1 gegen die Färöer, die damals ihr erstes offizielles Bewerbsspiel austrugen, mangels Spielgelegenheit daheim im schwedischen Landskrona.

Österreichs Teamchef hieß damals Josef Hickersberger. Jener Hickersberger war das, der 2008 das Team durch die Heim-Europameisterschaft begleitet hat und dabei jene fundamentale Frage aufgeworfen hat, vor der jeder Coach steht: Wie soll die Mannschaft zusammengesetzt sein? Hickersberger beantwortete diese Frage mit schöner Ironie und also tieferer Bedeutung: "Ich habe nicht die Besten nominiert, sondern die Richtigen."

Marcel Koller, der so zielstrebig gelassene Schweizer, hat es da schon um einiges leichter. Denn schon vor geraumer Zeit, vor der Jahrtausendwende, hat Österreichs Fußball damit begonnen, sich umzustülpen.

Zielstrebige Gelassenheit

Die Modernisierungsanstrengungen in der Trainerausbildung; der Österreichertopf, aus dem der Einsatz heimischer Talent belohnt wird; die Einrichtung von Akademien. All das machte Österreich nach und nach interessant als Ausbildungsstätte für den europäischen Spitzenfußball, wo die Heimischen dann mit dem Wetzstein des Weltniveaus zugeschliffen werden. So erspart Koller sich die Hickersberger'sche Qual der Wahl. Koller kann die besten Besten mitnehmen nach Frankreich. Und jeder hofft, es mögen die richtigen Richtigen sein.

David Alaba, vom Austria-Nachwuchs zu den Bayern in München gewechselt, zum Beispiel. Der machte am Dienstag gegen Malta sozusagen den Happel. Der Mann, nach dem das Praterstadion benannt wurde, schoss einmal seinem Freund Walter Zeman, dem Goalie mit den schönen Kriegsnamen, ein schönes Eigentor. Und rief dann: "Was willst du sein? Der Tiger von Glasgow, der Panther von Budapest? Du bist des Oaschloch von Hütteldorf!"

Das geschah bei einem Testspiel in Innsbruck, wo sich das Team auf die schweizerische Weltmeisterschaft 1954 vorbereitete, beim Stand von 15:0. In der Schweiz wurde Österreich dann Dritter, die beste je geschaffte Platzierung. Daheim war man allerdings ein bisserl enttäuscht.

Ernst Happel ging wenig später als Trainer auf Reisen, half den Holländern dabei, den totalen Fußball zu erfinden, entdeckte für sich eine Zigarettenmarke namens Belga, weigerte sich mit den Worten "Ich bin ein Patriot, aber kein Idiot", Teamchef zu werden, ließ sich von ÖFB-Chef Beppo Mauhart 1991 dann aber doch breitschlagen, jenen Job zu übernehmen, zu dem er als Letzter "Verbandskapitän" gesagt hat.

1992 starb Happel an den Belga. In sein Testament diktierte er noch: "Das Team, wirst sehen, da wird was draus." Mag sein, der Seher im Grantler hat da schon bis 2016 geschaut.(Wolfgang Weisgram, 5.6.2016)

  • Der Schweizer Marcel Koller brachte 2011 eine heilsame Außensicht in das selbstbezügliche österreichische Fußballgetriebe. Das Team dankte es dem Coach mit einer souveränen EM-Qualifikation.
    foto: reuters / leonhard foeger

    Der Schweizer Marcel Koller brachte 2011 eine heilsame Außensicht in das selbstbezügliche österreichische Fußballgetriebe. Das Team dankte es dem Coach mit einer souveränen EM-Qualifikation.

  • Das Sport-Tagblatt berichtete am 29. Oktober 1932 in beinahe sachlichem Ton über den EM-Sieg des Fußballteams.
    foto: tagblatt

    Das Sport-Tagblatt berichtete am 29. Oktober 1932 in beinahe sachlichem Ton über den EM-Sieg des Fußballteams.

  • Der Engländer Jimmy Hogan war ein ballesterischer Wanderprediger. Das historische Wunderteam coachte er 1932 zum EM-Titel.
    foto: parrs wood press

    Der Engländer Jimmy Hogan war ein ballesterischer Wanderprediger. Das historische Wunderteam coachte er 1932 zum EM-Titel.

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