Präparatesammlung in Südmähren: 51 ausgestopfte Hunde

3. Juni 2016, 14:57
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Ich denke oft an die Geschichte von Georg Haas von Hasenfels junior und seinen "Hundesaal". Aber wie bin ich überhaupt nach Bitov gekommen?

Der Dackel im Vordergrund, Mitte, war schon alt. Er hat eine weiße Schnauze. Der Dackel rechts daneben ist auch weiß um die Nase, sieht aber jung aus. Alle anderen Hunde schauen wie aus dem Leben gegriffen aus. Hat es für die Hunde ein Ablaufdatum gegeben, dass sie sterben mussten, solange sie noch fesch waren? Hat hier der Hundehalter, selbst Jäger, statt des erlegten Wildes die an der Jagd beteiligten Hunde präpariert? Haben wir es hier mit einer Travestie auf die Jagdgesellschaft zu tun? Humor? Realsatire? Wahnsinn? Kunst? "Zustandsgebundene Kunst"? – frei nach Prof. Navratil von Gugging. Bitov ein anderes Neuschwanstein? Die Sbírka vycpaných psu Jirího barona Haase z Haasenfelsu wurde in den Jahren 1921 bis 1945 angelegt.

foto: schloss bitov
Tschechische Sehenswürdigkeit: Wie mag ein Menschenleben ausgesehen haben, das der Nachwelt 51 ausgestopfte Hunde hinterlässt?

Baron Georg von Haas zu Hasenfels erblickte 1876 das Licht der Welt und erschoss sich mit neunundsechzig Jahren in der Uniform eines k. u. k. Ulanenoffiziers in seiner Garderobe (vor dem Spiegel?). Wenn man seine Biographie googelt, kommt man zum Wikipedia-Eintrag zu seinem Vater Baron Georg Haas zu Hasenfeld sen.

So wiederholt sich im Internet post mortem sein Schicksal als eines Menschen, der es nur in einer seltsamen Art zu einem eigenen Leben gebracht hat. Die Ursache für seinen Selbstmord war aber keine "interne" Familientragödie, sondern eine "externe". Als nach Ende des Zweiten Weltkriegs während der Enteignung des Grundbesitzes in der Tschechoslowakei der gesamte Besitz der Familie Haas in Böhmen und Mähren verloren ging, wollte Georg Haas junior nicht mehr weiterleben.

Eine misstrauische Mutter

Als hauptberuflicher Sohn war Georg Haas junior – wie etwa auch Prinz Charles – mit dem Misstrauen seiner Mutter bezüglich seiner Führungsqualitäten geschlagen. Olga Haas, Tochter eines reichen schlesischen Kohlenhändlers, Miteigentümerin und offene Gesellschafterin der Porzellanfabrik "Haas und Czjzek" hat den Eintritt ihres Sohns in die Firma verhindert. Warum genau, daran kann ich mich nicht erinnern.

Wenn Sie selbst einen Ausflug nach Bitov machen – wozu ich Sie hiermit ermuntern möchte – und an der Führung durch das Schloss teilnehmen, erfahren Sie mehr über diese Mutter-Sohn-Beziehung, aus der unter anderem einundfünfzig ausgestopfte Hunde hervorgegangen sind.

Solchermaßen zu einem Spaßleben verdonnert, oblag Georg Haas junior den Freuden der Jagd, liebte den Umgang mit Tschechen, Tschechinnen vor allem, und baute sein Schloss zum größten Privatzoo Europas um – mit angeschlossener Präparatesammlung.

Enttäuscht von den Menschen – von der Mutter und den "alten" Adeligen in der Umgebung, die vermutlich schon seine Eltern snobiert hatten – zog er die Gesellschaft der Tiere den seiner Artgenossen vor. Eine sadistische Seite seiner Tierliebe ist nicht zu übersehen. Mit imposanten Doggen – im Zustand des Ausgestopftseins noch heute zu bewundern – und einer zahmen Löwin "Mitzi" verschaffte er sich sowohl Respekt als auch das Vergnügen, mit der Angst seiner Gäste zu spielen.

Wer bei Georg Haas jun. speisen wollte, musste die neben dem Gastgeber sitzende "Mitzi" in Kauf nehmen. "Mitzi", so wird erzählt, sei einmal ausgebüxt. Hungrig und erschöpft sei die Löwin ins Schloss zurückgekehrt. Ob es bei diesem "Freigang" zu Begegnungen mit Wanderern gekommen ist, ist kein Teil dieser Anekdote.

"Mitzi" ist wie viele der ehemaligen Zoobewohner in der Präparatesammlung gelandet. In zwei Sälen sind dort auch seltene Vögel zu bestaunen. Soweit ich mich erinnern kann, hat Haas junior diese Sammlung zum Teil schon von einem Vorgänger übernommen. Zusätzlich zum "Hundesaal" und den "Vogelzimmern" gibt es im Schloss Bitov auch Räume mit Schaukästen, in denen ausgestopfte Katzen in die Rolle von Menschen schlüpfen. Die ausgestopften Katzen tragen Spitzenhäubchen und Kleidchen, halten Kaffeekränzchen ab und sehen grindig aus. Hunde, "Mitzi" und Vögel blieben vor solchen Scherzen bewahrt. Sie sehen aus, wie Mutter Natur sie geschaffen hat, obwohl man ihnen gerade so gut hätte Kleider anziehen und Hüte aufsetzen können.

foto: schloss bitov
Vielleicht sehen Sie bei einem Besuch auf Schloss Bitov etwas ganz anderes? Am Ticketschalter werden jedenfalls keine Euro angenommen.

Die Führungen durch Schloss Bitov werden in tschechischer Sprache angeboten. Auf Anfrage bekommt man den Text in deutscher, englischer und französischer Übersetzung in die Hand gedrückt. Das kann aber ein Gespräch mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Schlossmuseums nicht ersetzen.

Wie, würde ich gerne fragen, sieht der Frühjahrsputz der Hunde aus? Absaugen? Da die Führungen in Gruppen durchgeführt werden und es nicht erlaubt ist, sich als Einzelperson nach eigenem Tempo die Exponate in Ruhe anzusehen, muss man jeweils die ganze Führung mitmachen. Sowohl bei den Vögeln, den Katzen und den Hunden bekommen die Besucher etwas Zeit, sich die Exponate anzuschauen. Nachzügler werden nicht geduldet. Das Regiment hier ist streng. Wenn man/frau zum Beispiel fünfzehn Minuten die Hunde ansehen möchte, müsste man – grob geschätzt für drei Minuten Verweildauer im Hundezimmer je Führung – fünf Führungen mitmachen.

Zurück zur Frage: Was sehe ich, wenn ich einundfünfzig ausgestopfte Hunde in einem Saal sehe? Einen Fall von Trennungsschwäche? Sich von seinen "Lieblingen" nicht trennen können, von den Hunden oder von wem? Einen Fall von exzessiver Langeweile?

Oder – aggressiv gefragt: Welchem unikaten Schaden in der Psyche des Auftraggebers verdankte der Tierpräparator die Fülle der Aufträge? Hatte Baron Haas von Hasenfels jun. sein Herz an die Tiere oder an den Tierpräparator verloren?

Seine Art zu sprechen

Es heißt, Georg Haas jun. konnte auch sehr gut Tschechisch, was aber zur Deutung des Motivs für die Hundesammlung nichts besagt. Seine Art zu sprechen war weder in Deutsch noch in Tschechisch, sondern in ausgestopftem Hund, in ausgestopfter Katze, in ausgestopftem Löwen. Wollte er mit dem Ensemble ausgestopfter Tiere liebevollere Umgangsformen der Menschen miteinander einmahnen? Könnte sein. Das was man im Umgang mit Tieren – meine Erfahrungen beschränken sich auf Katzen – lernen und lieben kann, ist, wie sich Intelligenz, Freundschaft und Zartgefühl ohne den zerstörerischen Gebrauch der Sprache entfalten könnten. Oder ist diese Interpretation zu blumig, eine Projektion meinerseits? Waren er und der Tierpräparator einer Sammelleidenschaft verfallen?

Unabhängig von Bitov und seiner spektakulären Sammlung kann man davon ausgehen, dass jedes präparierte Tier nicht nur mit Sägespänen, sondern auch mit einem Motiv ausgefüllt ist. Apropos – als Beispiel dafür, was man/frau mit dem Balg von toten Tieren außer Ausstopfen noch machen kann, lassen Sie mich bitte nicht vergessen, Ihnen die Geschichte von der ersten selbst geschossenen Handtasche der Frau von O. zu erzählen!

Zurück zum Thema: Warum werden Tiere ausgestopft? Als Jagdtrophäe, als Präparat in einer naturwissenschaftlichen Sammlung, als Erinnerung an ein Haustier, als Erinnerungen an viele Haustiere? Wann ist diese Ausstopfmode ausgebrochen? Wenn Sie mögen, sehen Sie sich eine Website an: https://de.wikipedia.org/wiki/Taxidermie. Dort lernt man, dass Taxidermie griechisch für "Gestaltung der Haut" steht und die Kunst der Haltbarmachung von Tierkörpern zu Studien-, Lehr- oder Dekorationszwecken ist. Erstmals entwickelte in den 1770er-Jahren der Apotheker Jean-Baptiste Bocoeur ein arsenhaltiges Konservierungsmittel, mit dem auch größere Tierhäute konserviert werden konnten.

Ich mache aber mit dem Fragen weiter: Das Objekt – ein ausgestopfter Uhu oder Iltis, Auerhahn, was auch immer verkörpert das Tier, das es nicht mehr ist? Ist ein Tierpräparat das spannende Ineinsfallen des Faktischen mit dem Symbolischen? Durch das Ausstopfen werden die Tiere jedenfalls nicht unsterblich, aber ihr Besitzer ein kleines bisschen. Wenn wir uns in dieses Thema vertiefen würden, würden wir früher oder später um das Thema Heraldik, Zeichen, Wappen, Fahnen und Derartiges – als Platzhalter für einen Herrschaftsanspruch – nicht herumkommen. Aber das wollen wir jetzt nicht. Vielmehr beschäftigen wir uns noch mit der beim Anblick von einundfünfzig ausgestopften Hunden naheliegenden Frage, wie ein Menschenleben ausgesehen haben mag, das der Nachwelt einundfünfzig ausgestopfte Hunde hinterlässt?

Summa summarum war der Betreiber des Zoos und der Sammler von Tierpräparaten in Bitov "ein Haas" der vierten Generation. Sein Vater, Georg Haas senior, gehörte zu den nicht wenigen Industriellen, die in der Gründerzeit zu beachtlichem Vermögen kamen. Hineingeboren in ein in Schlaggenwald / Horní Slavkov in Nordböhmen Porzellan produzierenden Unternehmen, baute dieser gemeinsam mit seinem Vetter Johann Baptist Czjzek ein Firmenimperium mit Verkaufsstellen Prag, Budapest und Wien auf. 1886 erwarb er das Schloss Mostau/Mostov, das sich in der Nähe des elterlichen Grundbesitzes befand.

Das klingt wie ein Witz

Die "neureichen" Bürger der Gründerzeit verzehrten sich in der Sehnsucht, den Lebensstil der Aristokratie zu imitieren. Lange Jahre hatte der Vater Georg Haas bei Kaiser Franz-Josef um eine Erhebung in den Adelsstand angesucht. 1908 war es dann endlich so weit: Aus Georg Haas wurde Georg Haas Freiherr von Hasenfels. Das klingt wie ein Witz, war aber keiner. 1912 erwarb Georg Haas senior zusätzlich zu Mostau/Mostov das Schloss Bitov/Vöttau. Auch dieses Schloss war von Vorbesitzern im 19. Jahrhundert neugotisch umgebaut worden. Die Bewohner lebten solchermaßen in "zwei" Zeiten – im Mittelalter und in der Moderne zugleich – oder in keiner Zeit fest verwurzelt?

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatten die Tschechen endlich ihren langersehnten eigenen Staat gegründet, eine Republik. Das steile, trotz Vermögen unüberbrückbare, soziale Gefälle zwischen Adel und Neureichen war der Verfassung nach eingeebnet. Die alten Strukturen jedoch lebten in den Gemütern weiter. Sich eine Löwin als weibliches Wesen an seiner Seite (der Löwe als Metapher von Grandiosität, der König der Tiere) zu halten und sie mit dem Namen "Mitzi" den Rang einer Magd, Dienstbotin zu geben oder – was sie ja zweifelsohne war – als Haustier zu entmystifizieren – ist das nicht der perfekte Ausdruck von – ja was?

Ich maße mir nicht an, das was in Georg Haas jun. vorgegangen sein mag, schlüssig und ihm gerecht werdend zu deuten. Was ich sagen kann, ist, dass ich im Touristenstrom, der Zimmer für Zimmer durch das Schloss Bitov geführt wird, eine bin, der das, was einem da geboten wird, nachhängt. Ich denke oft an die Geschichte von Georg Haas von Hasenfels jun. und seinen "Hundesaal". Wie bin ich überhaupt nach Bitov gekommen?

In der Fensternische des Klosterladens im Stift Geras lag ein Einzelexemplar einer Zeitung, das nach Ladenhüter aussah. Zweisprachig und um zwei Euro: Okno/Fenster, Nr. 1, Jahrgang 5. Schon fünf Jahre gab es diese Zeitschrift! Alles in Schwarz-Weiß – was für eine Kostbarkeit! Ich verließ den Klosterladen mit der Zeitung, Mohnzelten, Likör, Seife, Tees und Cremen. In meinem Waldviertler Ferienquartier studierte ich Okno/Fenster. Ich fand einen Vorschlag zu einem Ausflug über die Grenze: "Am Rad durch die Geschichte der Thaya." Oh ja! Sofort! Die pure Lust am Aufbruch oder besser gesagt an der Vorstellung des Aufbruchs beflügelte meine Lektüre. Vor der liebevoll geschilderten Möglichkeit eines eintägigen Radausflugs, der in Felling an der österreichischen Grenze beginnt und nach 64,5 Kilometern durchs Südmährische wieder – in welchem Zustand?! – in Felling endet, wollte ich noch schnell die Biographie von "Premysl Otakar II.", Text und Bilder von Karel Fiala, lesen. Eine europäische Tragödie. Muss ich jetzt wieder Grillparzer lesen? Wieder alles vergessen? König Ottokars Glück und Ende und Libussa? Alles zugleich wird nicht gehen. Wie komme ich zu einem Rad, um überhaupt in Felling starten zu können? Will ich überhaupt mit dem Rad fahren? Nein, eigentlich nicht.

Okno/Fenster war das Reisebüro – wenn mich das Reisebüro nicht vermittelt hätte! -, das mich nach Bitov zu den einundfünfzig ausgestopften Hunden, der größten Sammlung ausgestopfter Hunde weltweit (vermutlich auch die einzige!) vermittelte. Ich war – weniger sportlich und weniger von der Landschaft habend – mit dem Auto nach Bitov gefahren. Bevor ich die einundfünfzig ausgestopften Hunde sehen konnte, vergingen vom Eintreffen in der Burg Bitov bis zum Erreichen des "Hundezimmers" satte zwei Stunden.

Am Ticketschalter wurden keine Euro angenommen. Im Burgrestaurant konnte man mit Euro zahlen und bekam Kronen als Wechselgeld. Der individuelle Besuch der Räumlichkeiten der Burg war, wie schon gesagt, nicht erlaubt. Während ich meine Euro in Kronen wechselte, war die Kasse in Mittagspause gegangen. Also saß ich im Burghof auf einer Bank im Schatten und sah dem Treiben der anderen Touristen zu. Der Burghof ist weitläufig. Im Inneren steht auf einem Felsen eine kleine Kirche. Die Drachenköpfe aus Eisen auf dem Dach des Wirtschaftsgebäudes sind – laut Burgführer – Windharfen. Ich hörte nichts.

Endlich wurde aufgesperrt

Vor dem großen Tor am oberen Ende des Burghofes, dem Eingang ins Haupthaus, hatte sich inzwischen schon eine große Gruppe von Touristen in Erwartung der nächsten Führung eingefunden. Noch, aber das wusste ich noch nicht, war ich durch viele verschlossenen Türen von den einundfünfzig ausgestopften Hunden getrennt. Nachdem ich mich an der Kasse nicht verständlich machen konnte, hatte ich mir auch keine Gewissheit verschaffen können, ob ich die Hundesammlung überhaupt zu sehen bekommen würde. Vielleicht war sie gerade in Reparatur? Also hieß es, sich in Geduld und Zuversicht zu üben. Endlich wurde das Tor aufgesperrt und die Führung begann. Wir wurden durch viele Gemächer geführt – unter anderem durch das Boudoir der paní Haasová in orientalischem Stil, wir hörten ein Musikstück im Prunksaal, dargeboten von Musikern in mittelalterlichen Gewändern, erreichten die naturhistorische Sammlung mit vielen ausgestopften Tieren und einundfünfzig ausgestopften Hunden.

Vielleicht sehen Sie bei einem Besuch auf Schloss Bitov – wenn ich erfolgreich war mit meinem Ausflugstipp, was ich hoffe, und Sie die Möglichkeit haben, sich selbst ein Bild von den "Schätzen" dort zu machen – ja etwas gänzlich anderes als ich. Nach meinem Gefühl schweben die einundfünfzig Haas'schen Hunde im Zustand des Ausgestopftseins wie auf einem Servierbrett zu ihrer gefälligen Interpretation angeordnet durch Raum und Zeit. Vielleicht heben sie ja eines Tages ab und segeln um die Erde als Wilde Jagd – als Botschafter eines Lebensgefühls einer bestimmten Klasse zu einer bestimmten Zeit. (Katharina Riese, Album, 3.6.2016)

Die Burg Bitov gehört zur Gemeinde Bitov im Bezirk Znojmo in Tschechien. Sie liegt etwa 25 km nordwestlich von Znaim oberhalb der Zeletavka, unweit ihrer Mündung in die Thaya. Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag von 9-17 Uhr

Katharina Riese, geb. 1946 in Linz, lebt als Autorin in Wien. Volkskunde- und Kunstgeschichtsstudium in Wien und Basel. Zuletzt erschien: "Vilma heiratet ihre Enkelin" (Sonderzahl, 2010).

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