Wie und warum mehr Frauen in die Technik kommen sollen

6. Juni 2016, 05:56
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Zu langsam steigt der Anteil der Frauen in technischen Berufsfeldern. Zwei prominente Frauen lassen nicht locker mit ihren Appellen

Die beiden Frauen kennen einander gut und schon lange. Und haben auch eine ähnliche Karriere – abgesehen vom Platz im politischen Spektrum: Brigitte Ederer (Volkswirtin) als damalige Europa-Staatsekretärin und späterer Siemens-Vorstand. Ulrike Baumgartner-Gabitzer (Juristin) als damals erste Kabinettschefin (Graf/Schüssel) und jetzt Vorstandschefin der Verbund-Tochter für die Netze APG. Beide teilen ein Anliegen: Frauen in technische Berufe, in Karrieren im Technikfeld zu begleiten.

Weibliche Vorbilder als Signal

Beim Netzwerktreffen junger Technikerinnen im Rahmen von "1000 Euro statt Blumen" – ein Stipendienprogramm der FH Technikum gemeinsam mit dem Fachverband der Elektro- und Elektronikindustrie (FEEI) für besondere Leistungen während des Studiums – appellierten beide: "Wir brauchen Role Models." Brigitte Ederer gab als FEEI-Präsidentin einen noch klareren Auftrag: "Gehen Sie als junge Technikerinnen hinaus, und bringen Sie drei Mädchen und junge Frauen ins technische Berufsfeld."

Gesamtgesellschaftlicher Nutzen

Für Ederer geht es um ökonomische Argumente und gesamtgesellschaftlichen Nutzen bei der Förderung von Frauen in der Technik. Aber auch um Weiterentwicklung im Geschäft. Sie nennt ein "banales" Beispiel und erinnert an die Autoindustrie, die sehr lange die Schminkspiegel an der Sonnenblende nur beim Beifahrersitz hatte, nicht am Fahrersitz. Wir brauchten den Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Lösungen dringend auch auf der technischen Produktebene. Dies zum Besseren, wie sie klarmacht: "Lehman Brothers wäre mit Lehman Sisters so nicht passiert."

Dass die gläserne Decke besteht, daran lassen beide keinen Zweifel aufkommen. Dass eine einzelne Maßnahme, etwa der Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur, diese Decke nicht entfernen könne, sei auch klar. Großer Wandel sei gefragt. Wo denn die Limits für Unternehmen lägen, Frauen zu einer gerechteren Teilhabe im Wirtschaftsleben zu verhelfen? Baumgartner-Gabitzer: "Das Limit ist der Kollektivvertrag."

Machtkämpfe aushalten

Was die beiden über die Jahrzehnte in ihren Karrieren getragen habe? Offensichtlich ihr Sosein. Beide haben ältere Brüder, beide wollten als Mädchen ebenso vorangehen, wie die Brüder das taten. Ederer sagt, sie wollte immer schon deutlich verändern – dass sie dazu in Machtpositionen kommen müsse, war ihr klar. Ausgehalten haben beide diese Machtkämpfe auch. Ederer: "Man ist aber schon manchmal sehr einsam."

Noch etwas teilen die beiden Frauen, die am Donnerstag im Haus der APG in Wien über ihre Karriere, über Macht, Durchhalten und den notwendigen gesellschaftlichen Wandel bei traditionellen Rollenbildern diskutierten: Ederer sucht als ÖBB-Aufsichtsratschefin Lokführerinnen und findet keine. Baumgartner-Gabitzer will Elektrotechnikerinnen – und es gibt sie nicht. Um diese rare Spezies raufen sich alle Arbeitgeber der technischen Branchen.

Warnung vor der Teilzeitfalle

Abseits konkreter Karrierediskussionen warnen beide auch vor der Teilzeitfalle als Weg in die Altersarmut. So wie Teilzeit derzeit aussehe (fast die Hälfte der Frauen arbeitet in solchen Modellen), rolle eine riesige Welle an Altersarmut heran. In Kombination mit einer 50-prozentigen Scheidungsrate, wie Ederer ergänzt.

Wie viel bei Rahmenbedingungen und "Änderungen im Mindset" zu tun bleibt, um mehr Frauen in die Technik zu bringen – diese Liste ist bekanntlich lang.

Ederer will ganz oben draufschreiben: Imagekorrektur der Technik, die immer noch als eher schmutzige, mit schwerer körperlicher Arbeit belastete Tätigkeit gilt. Und die Warnung: Mit der Digitalisierung werde wohl eine größere Zahl traditionell weiblicher Berufe im Verkauf wegfallen. Also: "Go Tech." (6.6.2016)

  • "Lehman Brothers wäre mit Lehman Sisters so nicht passiert", sagt Brigitte Ederer zum Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Lösungswegen. Langsam – aber für die Nachfrage und die künftigen Karrierechancen zu langsam – steigt der Anteil der Frauen in technischen Berufsfeldern.
    foto: apa/afp/ed jones

    "Lehman Brothers wäre mit Lehman Sisters so nicht passiert", sagt Brigitte Ederer zum Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Lösungswegen. Langsam – aber für die Nachfrage und die künftigen Karrierechancen zu langsam – steigt der Anteil der Frauen in technischen Berufsfeldern.

  • Ulrike Baumgartner-Gabitzer (Vorstandschefin Austrian Power Grid) und Brigitte Ederer (ÖBB-Aufsichtsratschefin): Es braucht vor allem Vorbilder für Technikerinnen.
    foto: raimund appel

    Ulrike Baumgartner-Gabitzer (Vorstandschefin Austrian Power Grid) und Brigitte Ederer (ÖBB-Aufsichtsratschefin): Es braucht vor allem Vorbilder für Technikerinnen.

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