Offenbar 700 Flüchtlinge auf gekentertem Boot vor Kreta

4. Juni 2016, 12:49
856 Postings

Zehn Leichen geborgen – Mehr als 250 Menschen bisher gerettet – Weiter großer Rettungseinsatz südlich der griechischen Insel

Athen/Kreta/Genf – Bei einer erneuten Flüchtlingstragödie im Mittelmeer sind möglicherweise mehrere hundert Menschen ertrunken. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kenterte am Freitag vor der griechischen Insel Kreta ein Boot mit mindestens 700 Menschen an Bord, von denen zunächst 340 gerettet und zehn tot geborgen wurden.

An der libyschen Küste wurden unterdessen bis Donnerstagabend die Leichen von über hundert Geflüchteten entdeckt.

Das vor Kreta verunglückte 25 Meter lange Boot kam offenbar aus Afrika und kenterte knapp 140 Kilometer südlich der griechischen Insel. Ein vorbeifahrendes Schiff hatte es entdeckt und die griechischen Behörden alarmiert, wie die Küstenwache mitteilte. Das Boot ging demnach zur Hälfte unter.

Nach Angaben der italienischen Küstenwache hatte am Donnerstagnachmittag bereits ein italienisches Handelsschiff Alarm geschlagen und gemeldet, dass im Grenzgebiet zwischen ägyptischen und griechischen Hoheitsgewässern ein Flüchtlingsboot in Seenot sei. Vier Schiffe, die sich in der Nähe befanden, seien dorthin gefahren. Am Freitagmorgen habe eines der Schiffe dann gemeldet, dass das Boot gekentert sei.

Herkunft der Flüchtlinge unklar

Die griechischen Behörden starteten ihrerseits einen großen Rettungseinsatz. Die Küstenwache schickte zwei Patrouillenboote, ein Flugzeug und einen Hubschrauber los. Fünf Schiffe, die in der Region unterwegs waren, beteiligten sich ebenfalls an dem Einsatz. Sie warfen Rettungsbojen aus, an denen sich die Flüchtlinge festhalten konnten.

Es gelang zunächst, 340 Menschen zu retten. Wie die Küstenwache mitteilte, wurden in Anwendung des Seerechts bei Rettungseinsätzen 240 der Überlebenden nach Italien, 75 nach Ägypten, 16 in die Türkei sowie sieben nach Malta gebracht. Zur Nationalität der Menschen wurden zunächst keine Angaben gemacht.

An den Stränden der libyschen Stadt Suara etwa 160 Kilometer westlich von Tripolis wurden unterdessen bis Donnerstagabend mindestens 104 Flüchtlinge tot gefunden. Ein Sprecher der Marine fürchtete aber, dass die Zahl der Toten steigen könnte, da in einem Boot durchschnittlich 115 bis 125 Menschen säßen.

Ob es sich bei den Opfern möglicherweise um Flüchtlinge handelte, die in der vergangenen Woche vor Libyen verunglückten, vermochte der Marinesprecher zunächst nicht zu sagen. Der internationalen Gemeinschaft warf er vor, in der Flüchtlingskrise versagt zu haben. Ein AFP-Fotograf vor Ort sah die Leichen von mehreren Frauen und Kindern. Auch deren Nationalität war zunächst unklar.

Drei Fälle in der Vorwoche

In der vergangenen Woche waren im südlichen Mittelmeer drei Flüchtlingsboote gesunken. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR geht davon aus, dass fast 700 Menschen ertrunken sind, darunter auch 40 Kinder. Sie hatten nach Angaben von Überlebenden in drei Booten die libysche Küste verlassen, um nach Italien zu gelangen. Alle drei Boote sanken.

Derzeit ist das Wetter gut und die See relativ ruhig, weshalb zahlreiche Menschen die gefährliche Überfahrt über das Meer wagen. Erst am Dienstag hatte das UNHCR erklärt, dass in diesem Jahr bereits mehr als 2.500 Menschen bei dem Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, ums Leben kamen. Dabei gilt die Route zwischen Nordafrika und Italien als erheblich gefährlicher als der Weg über die Ägäis nach Griechenland.

Seit der Schließung der Balkanroute und des Inkrafttretens des EU-Flüchtlingsabkommens mit der Türkei kommen allerdings kaum noch Flüchtlinge über die Türkei und Griechenland in die EU. Stattdessen gelangen wieder mehr Flüchtlinge von Libyen über das Mittelmeer nach Italien.

Die deutsche Seenotrettung gab indessen bekannt, in den vergangenen Monaten zusammen mit ihren griechischen Kollegen vor der Insel Lesbos mehr als 1.100 Bootsflüchtlinge gerettet zu haben. Darunter waren 202 oft noch sehr junge Kinder, teilte die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) am Samstag mit.(APA, 3.6.2016)

Share if you care.