Was Start-ups vom Kanzler fordern

5. Juni 2016, 11:00
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Geht es nach Kanzler Christian Kern (SPÖ), sollen sich mehr Start-ups in Österreich ansiedeln. Was es dafür braucht, wissen Vertreter der Szene

Zeichen setzen, das ist der neue Stil. Und ein solches war der Besuch von Bundeskanzler Christian Kern beim Wiener Pioneers-Festival, wo sich vergangene Woche in der Hofburg 500 Start-ups Investoren und mehr als 2500 Besuchern präsentierten. Man müsse eine Start-up-Mentalität entwickeln, sagte Kern auf der leuchtenden Pioneers-Bühne. Aber auch bei anderen öffentlichen Auftritten betont er die Signalwirkung, die von Weichenstellungen für Gründer ausgehe: "Der volkswirtschaftliche Beitrag dieser Kleinunternehmen wird zunehmend wachsen. Wir brauchen eine Innovationsdynamik um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen", sagte Kern auf Ö1. Er wünsche sich dabei zweierlei: mehr Gründungen und mehr Investitionen. Wie diese Zuwächse erreicht werden sollen, lässt er aber noch offen.

Geld ist nicht (nur) das Problem

Wünsche und Ideen aus der Szene gibt es natürlich viele. Zunächst gehe es darum, Wien als internationalen Standort attraktiv zu machen, sagt etwa Pioneers-Gründer Andreas Tschas. Denn: "Money follows talent." Es sei längst ein Kampf um die innovativsten Städte für Start-ups ausgebrochen – in Österreich hinke man aber hinterher. Zu diesem Schluss kam auch eine von Pioneers in Auftrag gegebene und von Roland Berger durchgeführte Studie: Aktuell spiele der Standort Wien auf europäischer Ebene keine Rolle.

An Geldmangel würden die Probleme jedenfalls nicht liegen, sagte Tschas: "Es liegt viel Kapital brach, aber die Rahmenbedingungen, um es zu nützen, müssen sich ändern." 2015 wurden 108,6 Millionen Euro an privatem Wachstumskapital in 129 kleine und mittlere Unternehmen im In- (72,5 Mio. Euro) und Ausland (36,1 Mio. Euro) investiert. Wie schon 2014 entspricht der Wert dieser Investitionen nur 0,032 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – im europäischen Vergleich zählt dieser Wert zu den Schlusslichtern.

Stiftungsbestimmungen ändern

Oliver Holle, Gründer und CEO der Risikokapitalfirma Speedinvest, wünscht sich deswegen, dass die Bestimmungen für Stiftungen geändert werden, um geparktes Kapital in die Gründerszene zu bringen: Der Beteiligungsfreibetrag von 100.000 Euro zur Förderung von Privatinvestitionen in Start-ups und Fonds wird schon lang diskutiert: 100 Prozent der investierten Summe sollen dabei von der Einkommensteuer absetzbar sein, und aus Investments erwirtschaftete Kapitalerträge sollen zu 50 Prozent steuerfrei sein.

Ähnliche Maßnahmen gab es bereits im gemeinnützigen Stiftungswesen, aber auch hier wünscht man sich zusätzliche Reformen für einen Wachstumsschub – aktuell sind weniger als 20 Prozent der Privatstiftungen gemeinnützig. Die Sozialunternehmen wurden von Kern zwar nicht so explizit umgarnt wie Start-ups, aber auch hier setzte er Zeichen und besuchte das Magdas Hotel in Wien, in dem ausschließlich anerkannte Flüchtlinge arbeiten. Sozialunternehmen sind Player, die es für die gewünschte Innovationsdynamik ebenso braucht wie hippe Tech-Start-ups.

Steuern senken

Zurück zu deren Wünschen: Vehement wird etwa gefordert, die Anlagebestimmungen für Lebensversicherungs- und Pensionsfonds für Risikoinvestitionen zu öffnen.

Die im internationalen Vergleich "viel zu hohen Steuern" sind Tschas ein Dorn im Auge. Viele würden dann eben in einem anderen Land gründen, weiß er. Besonders die Lohnsteuer sorgt für Unmut. "Das Geld würde sonst wahrscheinlich zu 70 Prozent in Personalkosten gehen – mehr Mitarbeiter bedeuten mehr Arbeitsplätze", wirbt er für eine Befreiung bzw. Senkung der Lohnsteuer bei den ersten Mitarbeitern.

Den Spirit in die Klassenzimmer

Ändern müsse sich auch der Spirit, merkt Katharina Klausberger an. Die Mitbegründerin und Kogeschäftsführerin der Flohmarktapp Shpock kritisierte bereits vor einigen Monaten, dass es in Österreich schwierig sei, motivierte Leute zu finden. "Um diesen Umstand zu ändern, muss man die kommenden Generationen bereits in der Schule mit dem Gründerspirit infizieren", sagt Klausberger. Unternehmerische und digitale Grundlagen sollen Teil des Unterrichts werden. Auf universitärer Ebene werden Möglichkeiten angestrebt, Forschung einfacher zu kommerzialisieren – Stichwort Spin-offs – und Entrepreneurship in Curricula – nicht nur an Wirtschaftsuniversitäten – zu verankern.

Vertrauensvorschuss an Kern

Wünschenswert sei auch ein zentraler Campus, wo Start-ups in unterschiedlichen Gründungsphasen, Klein- und Mittelunternehmen, Außenstellen von größeren Unternehmen und Anschlussstellen zu diversen universitären Instituten zusammenkämen, heißt es in den Empfehlungen von Pioneers und Roland Berger. Derzeit sei man zu zerstreut.

Ideen von der einen Seite sind also zur Genüge da. Aber: "Geredet wurde auch in der Vergangenheit viel, aber bis auf einzelne Maßnahmen blieben die großen Taten aus." Reformen werden Kern in der Szene zugetraut, auch wenn dafür hartes Durchgreifen bei den Sozialpartnern nötig sei, sagt Tschas. "Der Wille ist da, mein Vertrauen hat er." (5.6.2016)

  • "Ihr könnt mich Christian nennen, aber schneidet mir bitte nicht die Krawatte ab", sagte Kern beim Pioneers-Festival. Die Szene erhofft sich rasche Reformen, um Gründen attraktiver zu machen.
    foto: pioneers

    "Ihr könnt mich Christian nennen, aber schneidet mir bitte nicht die Krawatte ab", sagte Kern beim Pioneers-Festival. Die Szene erhofft sich rasche Reformen, um Gründen attraktiver zu machen.

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