"The Encounter": Der Dschungelkauz aus dem Headphone

3. Juni 2016, 15:46
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Simon McBurney begeistert mit seiner Soloperformance "The Encounter " im Wiener Museumsquartier. Aus dem Geist digitaler Klangspeicherung entsteht eine ganze Welt

Wien – Der Mann vorne auf der Bühne könnte Techniker sein. Ein Inspizient, ein unscheinbarer, dabei völlig unverzichtbarer dienstbarer Geist. Das Festwochen-Publikum spricht er betont freundschaftlich an. The Encounter, Simon McBurneys Soloperformance in der Halle E des Museumsquartiers, hat noch gar nicht richtig angefangen. Und doch glauben wir schon so vieles zu wissen: McBurneys kleine Tochter schätzt die Unmengen Fotos auf Daddys Smartphone. Zeit ist ein mehrdimensionales Ding. Fiktionen ("Stories") sind unerlässlich für das Verständnis der Welt.

Während der Londoner Schauspielstar noch den launigen Conférencier gibt, hat sich unversehens der Raum verändert. Alle Zuschauer tragen Headphones. McBurneys Stimme löst sich los, wandert quer durch den Kopf. Von nun an gibt es ein neues Reiseziel zu bestaunen. Den brasilianischen Urwald, gebildet aus unzähligen Lauten und Geräuschen. Eine komplette Welterschaffung aus dem Geist digitaler Klangspeicherung.

Verblüfft lauscht man dem Kauz, dem Reptil, dem glucksenden Wasser. Man meint buchstäblich zu sehen, wie die Sonne träge über dem Dschungel aufgeht. Und doch hat McBurney bloß (fast) alles weggelassen, was zur Illustration der nun folgenden Entdeckungsreise visuell unerlässlich zu sein scheint.

Irrfahrt in den Tropenwald

Die Kopfgeburt der Welt, hier passiert sie wirklich. Seine eigene, tiefergelegte Stimme leiht McBurney dem US-Fotografen Loren McIntyre. Der lässt sich 1969 mitten im Tropenwald absetzen. Er möchte den indigenen Stamm der Mayoruna vor die Linse bekommen. Man kennt derlei Irrfahrten mitten hinein ins Herz der Finsternis. Meist lauern Furcht und Schrecken hinter dem Gesumm der Moskitos, hinter der Beißlust der Anakondas.

Hier ist nun alles anders, und doch auch nicht. McBurney bricht die Erzählung von der behutsamen Neuordnung des Forschergeistes immer wieder. Es gibt Unterbrechungen. Mal spaziert das Töchterchen akustisch durch Papas Zimmer, dann wieder wird man sich der Blöße der Situation bewusst. McBurney hantiert mit Sessel und Wasserflasche, er forciert den Wechsel von Figuren- und Erzählerstimme. Man hängt begierig an seinen Lippen.

Sehr bald wird klar: Mister Loren, der Vertreter unserer Zivilisation mit der unsichtbaren Minolta-Kamera vor der Brust, unternimmt (auch) eine Reise in die Bezirke des Unbewussten. Er prallt mit den Indianern zusammen. Er erlernt zu seinem eigenen, grenzenlosen Erstaunen die Kunst, sich nonverbal zu verständigen. Der Performance liegt ein Roman des Rumänen Petru Popescu zugrunde.

Und man muss schon sagen: Das Hippiezeitalter erhebt hier noch einmal sehr deutlich sein drogenvernebeltes Wuschelhaupt. Den esoterischen Beigeschmack wird The Encounter, dieser furiose Bericht einer seelischen Erweckung, nie ganz los. Das Schöne dabei ist, es spielt keine Rolle.

McBurney kämpft sich mit vollem Körpereinsatz durch den undurchdringlichen Dschungel. Sein Schützling, die Figur des Fotografen, lernt umzudenken. Irgendwann brennen seine Turnschuhe, die Kamera ist endgültig verloren, und Loren grübelt über den zentralen Satz des gastgebenden Häuptlings nach: "Manche von uns sind Freunde."

Himmel- und Höllenfahrt sind ein- und dasselbe in dieser famosen Produktion, mit der der Chef des Theaters Complicite quer durch Europa tingelt. Das Wasser fällt ohrenbetäubend vom Himmel, und man meint, ein Stück weit gereinigt und erfrischt zu sein. Schön, dass irgendwo zwischen London und Tropenwald auch noch Zeit für einen Abstecher nach Wien war. Berechtigter Jubel. (Ronald Pohl, 3.6.2016)

  • Verblüfft lauscht man dem Kauz, dem Reptil, dem glucksenden Wasser: Der Brite Simon McBurney entführt die Zuseher mittels Headphones in den Urwald. Zugrunde liegt ein Roman von Petru Popescu.
    foto: robbie jack

    Verblüfft lauscht man dem Kauz, dem Reptil, dem glucksenden Wasser: Der Brite Simon McBurney entführt die Zuseher mittels Headphones in den Urwald. Zugrunde liegt ein Roman von Petru Popescu.

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