Handelsriesen suchen ihr Glück im Kleinen

3. Juni 2016, 05:30
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Kundenfrequenz sinkt, Mietpreise steigen, gute Lagen sind knapp. Große Handelskonzerne machen zusehends auf mini

Wien – Small is beautiful: Handelsriesen quer durch Europa suchen ihr Glück zusehends auf kleinsten Flächen. Der Textildiskonter Primark etwa ist mit Standorten groß geworden, die sich gut und gerne auf bis zu 14.000 Quadratmeter ergießen. Jetzt macht er plötzlich in englischen Kaufhäusern auf mini: Konsumenten tummeln sich dort auf lediglich 60 Quadratmetern.

Auf vielfach 30.000 Quadratmetern breitete sich traditionell der Baumarktbetreiber Hornbach aus. Nun übt er sich in Deutschland in Shops auf zarten 800 Quadratmetern. Standorte für das kompakte Konzept in Österreich gibt es noch nicht – mittelfristig wolle man damit aber auch hier expandieren, bestätigt der Konzern auf Anfrage.

Schlanke Füße

Saturn will in einzelnen deutschen Standorten mit 300 bis 700 Quadratmetern auskommen. Für Österreich sieht der Elektrohändler dieses Modell zwar nicht vor – stellt hierzulande aber neue Filialen des Schwesterkonzerns Media Markt auf schlanke Füße: In Tulln wurde Ende Mai auf 1000 Quadratmetern eröffnet; auf einem Drittel der bisher üblichen Fläche.

Ikea startete heuer einen Minimarkt in St. Pölten, der nicht mehr als 99 Produkte lagert. Angesichts der bisherigen blauen Riesenwürfel hat er nahezu Spielzeugformat.

Sportartikelhändler Hervis testet in Wien seit Herbst einen Expresshop, der sich auf ein Fünftel der bisherigen Fläche beschränkt. Die Buchkette Thalia erteilt riesigen Standorten schon seit längerer Zeit eine Absage. Und auch Supermärkte leben vor, wie man sich in Tankstellen verkleinert.

Die Frequenz im Einzelhandel sinkt grundsätzlich, sagt Kai Hudetz, Chef des Kölner Instituts für Handelsforschung. An den wenigen guten Standorten würden die Mieten in Folge erheblich steigen. Was Unternehmen dazu veranlasse, die Umsätze in Toplagen lieber über kleine Shops abzuschöpfen. Zumal neue technische Möglichkeiten ihre Geschäfte ohnehin virtuell verlängerten. Denn das gesamte Sortiment gibt es meist online. Und wer will, kann es sich in die Filiale oder nach Hause liefern lassen. Noch seien die Miniläden im Testlauf, sagt Hudetz: "Denn nur einfach weniger anzubieten, spielt es nicht. Es muss investiert werden, braucht gute Konzepte."

Feingliedrige Vermehrung

Es gilt rauszufiltern, was Kunden an Ort und Stelle kaufen wollen. Das wird die große Herausforderung, erzählt ein Händler. Auch Experten wie Stephan Mayer-Heinisch, Präsident des Handelsverbands, beobachten die Verkleinerungsversuche in der Branche gebannt. "Hier bietet sich die Möglichkeit, die Kraft großer Marken auf kleiner Fläche zu multiplizieren, feingliedrig zu vermehren."

Marktforscher Wolfgang Richter, Chef von RegioData Research, erwartet sich hiervon keine Revolutionen, da sich die Minimalisierung nicht für alle Bereiche eigne. Ein starker Trend in diese Richtung sei aber unübersehbar.

Konsumenten kauften verstärkt im Internet ein. "Der Kuchen wird nicht größer, und die Quadratmeterumsätze sinken." Vielen Händlern würden Standortkosten letztlich zu hoch. Also versuchten sie, sich zu verkleinern und ihre stationären Flächen mit Onlineangeboten zu verschränken. "Das ist immer noch günstiger, als in Einkaufszentren 100 Euro für den Quadratmeter zu bezahlen." (Verena Kainrath, 3.6.2016)

  • Geschäfte im Spielzeugformat: Viele Einzelhändler, die sich traditionell über zigtausende Quadratmeter erstrecken, üben sich nunmehr auf kleinster Verkaufsfläche.
    foto: epa / darek delmanowicz

    Geschäfte im Spielzeugformat: Viele Einzelhändler, die sich traditionell über zigtausende Quadratmeter erstrecken, üben sich nunmehr auf kleinster Verkaufsfläche.

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