EZB-Ratssitzung: Wien als Machtzentrum für einen Tag

2. Juni 2016, 18:17
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Bei ihrer Sitzung beschlossen die Währungshüter eine Fortsetzung des Niedrigzinskurses. Zu Gast in der Hofburg war EZB-Chef Draghi

Wien – Wenn Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, in Frankfurt alle sechs Wochen aus einer EZB-Ratssitzung und vor die wartenden Journalisten schreitet, wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Das war am Donnerstag nicht anders, sehr wohl aber das Ambiente. Anlass für den Tapetenwechsel war das 200-Jahr-Jubiläum der Österreichischen Nationalbank. Schon vor Verkündung der aktuellen geldpolitischen Weichenstellungen im mit Goldstuck verzierten Redoutensaal der Wiener Hofburg stellte Draghi fest: "Es ist viel zivilisierter hier."

Im Vergleich zur Frankfurter EZB-Zentrale, wo die Sitzungen normalerweise stattfinden, war die Stimmung tatsächlich geradezu sakral. Eine Akustik wie im Kirchenschiff, die Medienvertreter andächtig den Worten Draghis lauschend, dem Hohepriester der europäischen Geldpolitik.

Leitzins bleibt auf Rekordtief

Dem Schauplatz angepasst Stabilität ausstrahlend waren auch die Entscheidungen, zu dem das oberste EZB-Beschlussorgan fand. Die Währungshüter, bestehend aus sechs Mitgliedern des Direktoriums sowie den Präsidenten der Zentralbanken der 19 Euroländer, beließen den Leitzins für die Geldversorgung der Banken bei 0,0 Prozent – und damit auf einem Rekordtief. Damit entsprachen sie den Erwartungen. Viele Ökonomen schätzen eine länger anhaltende Nullzinsphase als realistisch ein.

Sorgen darüber, das billige Geld könnte auf manchen Märkten zu einer Blasenbildung führen, versuchte Draghi einmal mehr zu entkräften. Niedrige Zinsen seien ein Symptom einer schwachen Wirtschaft, würden aber schlussendlich in einer Belebung münden: "Wenn die Zinsen morgen höher sein sollen, dann müssen sie heute niedrig sein."

Auch der Strafzins, den Banken zahlen müssen, wenn sie Geld über Nacht bei der EZB parken, bleibt unverändert bei minus 0,4 Prozent. Neu ist hingegen, dass die EZB ab 8. Juni erstmals auch Firmenanleihen kaufen wird. Damit will sie dafür sorgen, dass die Zinsen dieser Papiere sinken. Man erhofft sich mehr Neuemissionen und einen daraus folgenden Schub für die Wirtschaft. Vorerst soll der Umfang des Programms niedrig sein, schrittweise aber auf bis zu zehn Milliarden Euro pro Monat ausgebaut werden.

Erst im März hatte die Notenbank ihr Programm zum Kauf von Staatsanleihen ausgeweitet. Dessen Umfang beließ sie am Donnerstag bei 80 Milliarden Euro pro Monat. Laut Draghi wird es bis Ende März 2017 oder darüber hinaus anhalten, je nachdem wann der Rat eine nachhaltige Korrektur der Inflation sieht.

Inflationsziel in weiter Ferne

Trotz wieder steigender Ölpreise soll die Teuerung anhaltend gering bleiben. Die Verbraucherpreise dürften in diesem Jahr nur um 0,2 Prozent zulegen, so die EZB-Prognose. Im März war noch von 0,1 Prozent ausgegangen worden. Für 2017 werden unverändert 1,3 und für 2018 weiterhin 1,6 Prozent erwartet. Dennoch bleibt der Zielwert in weiter Ferne: Zwei Prozent Inflation ist für die EZB der Idealwert für die Wirtschaft. Im Mai sind die Verbraucherpreise in der Währungsgemeinschaft sogar leicht gesunken.

Für das Wirtschaftswachstum in der Eurozone ist die EZB nunmehr optimistischer als zuletzt im März: Für 2016 erwartet sie ein Wachstum von 1,6 Prozent, in den beiden Jahren darauf soll es jeweils 1,7 Prozent betragen.

Draghi betonte einmal mehr seine Hoffnung, dass Großbritannien auch nach dem anstehenden Referendum über einen möglichen "Brexit" in der EU bleibt. Beide Seiten würden davon profitieren.

Sprach's und begab sich zusammen mit OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny zum Wiener Rathaus, wo das 200-Jährige bei einem Festakt zelebriert wurde. Nicht die letzte Feierlichkeit der Nationalbank, geht es nach Notwotny: Er erwartet, dass die OeNB auch noch ein 300-Jahr-Jubiläum erleben wird. (Simon Moser, 2.6.2016)

  • Zentralbanker in den Prunkräumen der Nation: Gastgeber und OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny und EZB-Präsident Mario Draghi prolongierten im Redoutensaal der Hofburg ihren Niedrigzinskurs.
    foto: reuters/foeger

    Zentralbanker in den Prunkräumen der Nation: Gastgeber und OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny und EZB-Präsident Mario Draghi prolongierten im Redoutensaal der Hofburg ihren Niedrigzinskurs.

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