Islamforscher Kepel: "Der Salafismus bietet ein Lebensmodell"

Interview5. Juni 2016, 14:00
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Der französische Wissenschafter ortet die Gründe für Radikalisierung und Terrorismus unter anderem in einer misslungenen Sozialpolitik

STANDARD: Herr Kepel, wie schätzen Sie die Terrorbedrohung in Frankreich mehr als ein halbes Jahr nach den Pariser Attentaten ein?

Kepel: Klar ist, dass die Umstände und die tieferen Beweggründe des Terrorismus nicht beseitigt wurden. Als Ziele gelten unter anderem die Fußball-Europameisterschaft und danach die Tour de France. Bis zu deren Ende wird der Ausnahmezustand in Kraft bleiben.

STANDARD: Sind Sie wegen der Fußball-EM beunruhigt?

Kepel: Man weiß aufgrund der Quellenlage, dass Jihadisten immer wieder Anschläge auf Sportevents planen. Im Stade de France drangen sie am 13. November letzten Jahres zum Glück nicht ins Innere vor; sie sprengten sich draußen in die Luft, wobei es ein Todesopfer gab. Im Stadioninneren hätten sie unter den 80.000 Zuschauern zahlreiche Opfer verursachen können.

STANDARD: In Frankreich bleibt heute ein Terrorpotenzial vorhanden, sind doch aus Frankreich mehr als 1.000 Jihadisten nach Syrien gereist. Warum dieses erschreckende Ausmaß?

Kepel: Frankreich bildet diesbezüglich das stärkste Kontingent Europas. Das hat mehrere Gründe. Der Jihad wird auf Arabisch geführt, mit einer starken arabischen Solidarität, weshalb die türkische Immigration in Deutschland oder die indopakistanische in England weniger betroffen sind. In Frankreich ist die dritte Einwanderergeneration zwar weitgehend "entarabisiert". Psychologisch fragile Jugendliche verspüren aber gerade deshalb ein Gefühl der Schande und des Hasses, weil sie ihre Herkunft verraten hätten. Um dieses Schuldgefühl abzubauen, lassen sie sich indoktrinieren und teilweise sogar zum Märtyrertod verleiten.

STANDARD: Richtet sich der Terror auch gegen Frankreichs strikten Laizismus, der sich unter anderem im Schleierverbot äußert?

Kepel: Ja, Frankreich wird von den Salafisten auch wegen seiner Kultur, der Aufklärung und Voltaire verabscheut. Der algerische Islamist Ali Ben Hadj meinte vor Jahren schon, man müsse diejenigen eliminieren, die die "giftige Milch Frankreichs" getrunken hätten. In diesem Ausdruck schwingen tiefe kulturelle und religiöse Elemente mit.

STANDARD: Auch politische, wenn man an den Algerienkrieg denkt?

Kepel: Ich nenne das den "retrokolonialen Faktor". Er beschäftigt uns weiterhin, weil weder Frankreich noch Algerien die Trauerarbeit nach diesem Krieg geleistet haben. Das schlägt nun über die dritte Einwanderergeneration auf Frankreich zurück. Es ist kein Zufall, dass der Terrorist Mohammed Merah – bewusst oder nicht – am 19. März 2012 in Toulouse jüdische Schulkinder erschoss: Das war der fünfzigste Jahrestag des Waffenstillstands zwischen Frankreich und Algerien, ein Tag, der auf beiden Seiten immer noch höchste Emotionen weckt.

STANDARD: Kommen dazu nicht auch die sozialen Bedingungen in den Banlieue-Ghettos?

Kepel: Natürlich, denn von dem französischen Sozialmodell profitiert zwar die angestammten Mittelklasse; in den Vorstädten gibt es hingegen keine Arbeit, dafür ein Gefühl der gesellschaftlichen Ausgeschlossenheit, was zu Kriminalität und Drogenhandel führt. Und weiter zum Salafismus, der ebenfalls arabische Wurzeln hat und deshalb bei deutschen Türken weniger verbreitet ist. Er profitiert vom Internet, das ihm eine rasante Verbreitung erlaubt.

STANDARD: Trotz der inhaltlichen Rückständigkeit des Salafismus?

Kepel: Sein mittelalterlicher Ansatz, den Koran wörtlich zu nehmen und buchstabengetreu anzuwenden, das heißt ohne jede Interpretation zwischengeschalteter Personen, wird erleichtert durch das Internet, da man den heiligen Text dort direkt einsehen kann. Er ist unantastbar, undiskutierbar. Junge Männer in sozialer oder psychischer Not finden darin Halt. Der Salafismus bietet ein Lebensmodell und stellt damit eine Art Gegenkultur zur französischen Konzeption dar. Und auch eine Alternative zum Drogenkonsum, der in der männlichen Banlieue-Jugend sehr verbreitet ist. Kriminelle, die einst Alkohol tranken und Drogen nahmen, bevor sie auf dem Pilgerweg ihre "Sünden" sühnten, finden darin eine Erlösung.

STANDARD: Gibt es nicht auch salafistische Drogenhändler?

Kepel: Ein Drogenhändler kann einen salafistischen Hintergrund haben, das stimmt. Sein Motiv ist in dem Fall, den "Feind" zu verderben, ihn zu schwächen. In dem Fall sind Umgang und Handel mit Drogen nicht verwerflich.

STANDARD: Sagte sich das auch Amedy Coulibaly, einer der Attentäter der "Charlie Hebdo"-Anschläge?

Kepel: Coulibaly hatte einen bezeichnenden Werdegang. Er stammte aus Mali, wo ein sehr gemäßigter Islam praktiziert wird, und aus einer unreligiösen Familie. Er selbst war völlig unreligiös, sogar gewalttätig. Im Gefängnis wurde er aus einer Zelle über ihm durch die Fenstergitter von dem Salafisten Djamel Beghal bekehrt und indoktriniert.

STANDARD: Rechtfertigt der Salafismus Mord und Terror im Namen der Religion?

Kepel: Im Allgemeinen verleitet der Salafismus nicht zur Gewalt; er predigt einen inneren, spirituellen Bruch. Man kann es so sagen: Nicht alle Salafisten werden Jihadisten – aber alle Jihadisten sind Salafisten. Auch wenn die Bekehrung etlicher Terroristen sehr oberflächlich war, berufen sie sich stets auf salafistische Schriften. Dazu gehört dass "Al Wala wal bara'a" (Unterwerfung und Lossagung), ein sehr verbreiteter Aufruf von Salafisten. Ich habe Videos von Jihadisten gesehen, die erklärten: "François Hollande, sag dich von den Juden und Amerikanern los, um aus den Flammen des Infernos zu kommen!" Das impliziert nicht unbedingt Gewalt. Die Gewaltbereitschaft ist oft noch unklar, wenn der Jihadist nach Syrien reist; sie wächst dort graduell und führt meist erst in einer Gruppe unter einem fanatischen Anführer zum eigentlichen Terrorakt.

STANDARD: Sie erstellen seit Jahren Feldstudien in Jihad-Hochburgen wie Lunel (Südfrankreich), dazu auch in Gefängnissen. Was hat Sie dabei am meisten erstaunt?

Kepel: In erster Linie der Übergang zur Gewalt seit Merahs Anschlägen 2012. Das Phänomen war zuvor schon bekannt, genau gesagt seit 2005, als der Syrer Abu Musab al-Suri seinen Aufruf zur "weltweiten islamistischen Revolution" verbreitete. Die zuständigen Geheimdienste reagierten nicht, obwohl wir Wissenschafter immer wieder darauf hingewiesen hatten. Dabei veränderte sich die Stimmung mit al-Suris Jihad-Appell komplett – zuerst über Youtube, dann in den Gefängnissen und schließlich bis in die Pariser Banlieues, von wo aus man für 150 Euro in den syrischen Jihad jetten kann. Das ist doch sehr erstaunlich: Junge Franzosen, hier geboren, hier aufgewachsen, vom Staat zum Teil richtiggehend aufgezogen und ernährt, wie etwa die elternlosen Kouachi-Brüder – sie erachten sich plötzlich als Kriegsgefangene Frankreichs und identifizieren sich mit dem "Islamischen Staat". Sie verwerfen also völlig ihre französische Identität und Gesellschaft. Ihre neue Identität ist die arabisch-islamische. Und das, obwohl zum Beispiel Coulibaly in seinem Bekennervideo ein klägliches Arabisch spricht.

STANDARD: Die Regierung richtet nun Zentren zur "Entradikalisierung" französischer Jihadisten ein. Was halten Sie davon?

Kepel: Ich halte den Begriff der "Radikalisierung" für zu weit gefasst: Die Motive eines Jihadisten haben nicht viel zu tun mit denen eines Rote-Armee-Fraktionisten. Will man sie alle auf die gleiche Weise entradikalisieren? Zuerst sollte man die universitäre Feldforschung ausweiten, um die 9.000 Jihad-Rückkehrer zu analysieren. Wir verstehen die Gründe, warum sie zurückgekehrt sind, noch nicht sehr gut. Und viele dieser Leute sind bereit zu reden.

STANDARD: Genereller gefragt: Islamisten, auch Pariser Rapper, bezeichnen die Franzosen gerne als "kuffar" (Ungläubige). Wie verbreitet ist der Ausdruck unter französischen Muslimen?

Kepel: "Kuffar" ist ein Merkmal des salafistischen Diskurses und bezeichnet die Ungläubigen oder Abtrünnigen, deren Blut vergossen werden kann. Für einen normalen Muslim bin ich, sind Sie aber kein Ungläubiger.

STANDARD: Existiert "le vote musulman", das heißt ein kollektives Wählerverhalten der rund fünf Millionen Muslime in Frankreich?

Kepel: Das gab es 2012 im negativen Sinn gegen Nicolas Sarkozy, der in den Banlieue-Vierteln verhasst ist. 80 bis 90 Prozent der Muslime gaben ihre Stimme aus diesem Grund François Hollande. Allerdings haben sie sich wieder von ihm abgewendet, als er die Homo-Ehe zuließ, und weil es ihm nicht gelang, Arbeitsplätze zu schaffen.

STANDARD: Abgesehen von unbedeutenden lokalen Ausnahmen gibt es in Frankreich keine Islampartei. Erstaunt Sie das?

Kepel: Nein, aber es gibt Einzelpersonen wie den Schweizer Islamisten Tariq Ramadan, der nun die französische Staatsbürgerschaft anstrebt; wahrscheinlich, weil er die französischen Muslime hinter sich scharen will. Ein wenig wie der fiktive islamistische Präsident, den Michel Houellebecq in seinem Roman "Unterwerfung" die französischen Präsidentschaftswahlen 2022 gewinnen lässt.

STANDARD: Halten Sie ein solches Szenario für plausibel?

Kepel: Man darf diesen Roman nicht zum Nennwert nehmen. Nur weil er die aktuelle Lage in eine Katharsis verdichtet, heißt das nicht, dass es so kommen muss.

STANDARD: Anders als in London schafften es Muslime bisher nie in die Pariser Spitzenpolitik, es sei denn als Alibifiguren wie Rachida Dati unter Sarkozy.

Kepel: Das ändert sich, wie sich schon in der aktuellen Arbeitsreformdebatte in Frankreich zeigt: Das so umkämpfte Gesetz trägt den Namen der Arbeitsministerin Myriam El Khomri. Die Tochter eines Marokkaners und einer Bretonin vertritt also heute die Regierungsposition gegen die soziale Unrast. Das ist auch ein Zeichen der Integration. Wie übrigens auch in London: Der neue Bürgermeister Sadiq Khan, der eine lange Karriere in islamistischen Gruppen hinter sich hat ...

STANDARD: Ach wirklich?

Kepel: Ja, das hat der Gründer der Quilliam-Stiftung, Maajid Nawaz, nach der Londoner Wahl auf der Internetseite "Daily Beast" präzisiert. Später trat Khan aber sogar für die Homosexuellenrechte ein. Die Politik hat jemanden resozialisiert, der in einer viel extremistischeren Logik begonnen hatte. (Stefan Brändle aus Paris, 5.6.2016)

foto: picturedesk.com
Gilles Kepel (60) gilt als Frankreichs renommiertester Islamologe. Sein Buch "Terreur dans l'Hexagone" erscheint im September auf Deutsch. Kepel nimmt am 7. Juni im Rahmen der Wiener Festwochen an einer Podiumsdiskussion im Burgtheater teil: Um 21 Uhr spricht er mit Chantal Mouffe über das Thema "Is Europe Taking a Right Turn? / Rechtsruck in Europa?"
  • Gilles Kepel befürwortet intensive Forschung, um Motive radikalisierter Muslime besser zu verstehen.
    foto:tim dirven / reporters / picturedesk.com

    Gilles Kepel befürwortet intensive Forschung, um Motive radikalisierter Muslime besser zu verstehen.

  • Eine muslimische Frau auf den Pariser Champs-Élysées, im Hintergrund ein Plakat des französischen Magazins "Marianne", das über eine "Komplizenschaft des Islamismus" mutmaßt.
    foto: ap photo/francois mori

    Eine muslimische Frau auf den Pariser Champs-Élysées, im Hintergrund ein Plakat des französischen Magazins "Marianne", das über eine "Komplizenschaft des Islamismus" mutmaßt.

  • "Ich bin Charlie" – Seit dem Anschlag auf die Redaktion des Pariser Satiremagazins "Charlie Hebdo" weltweit ein Slogan, um gegen den islamistischen Terrorismus Stellung zu beziehen, wie hier in Berlin.
    foto: reuters/fabrizio bensch

    "Ich bin Charlie" – Seit dem Anschlag auf die Redaktion des Pariser Satiremagazins "Charlie Hebdo" weltweit ein Slogan, um gegen den islamistischen Terrorismus Stellung zu beziehen, wie hier in Berlin.

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