Alfred Ludwig: "Ihre Herzlichkeit hat mich berührt"

Interview3. Juni 2016, 09:08
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Der Generaldirektor des Österreichischen Fußballbundes leitet vor der Pension noch das nichtsportliche Unternehmen Frankreich. Der Wiener zieht Vergleiche und ein spezielles Fazit

STANDARD: Sie waren schon einmal in führender ÖFB-Funktion bei einem Turnier in Frankreich. Inwieweit hat sich der Koordinationsaufwand seit 1998 verändert?

Ludwig: Er hat sich fast verdoppelt, aus verschiedenen Gründen. Aus Eigengründen, weil wir zwei zentrale Standorte haben. 1998 war die Mannschaft in Margaux und wir 30 Kilometer daneben. Wir waren die ganze Zeit dort, mit der Wirtschaft, den Büros. Jetzt ist die Mannschaft in Mallemort, wir sind in Paris, ein logistischer Doppelaufwand in puncto Sicherheit, Ticketing, Sponsoren.

STANDARD: Was kam darüber hinaus dazu?

Ludwig: 1982, bei der WM in Spanien, war ich erstmals dabei. Da sind wir mit unserem Zeug hingefahren, haben gewohnt und gespielt. Jetzt bereitet man sich langfristig vor. Das Wichtigste ist, dass man der Mannschaft ein Zuhause bietet, dass sie dort alles hat. Um das Fundament zu legen, dass es keine Ausrede gibt für sportlichen Misserfolg – vom Koch bis zum Psychologen, vom Co-Trainer bis zum Teamchef, vom Zimmer bis zum Pool, es braucht Fitnessgeräte, Regenerationsräume, die Qualität des Quartiers, der Trainingsplätze muss hoch sein, diesen Anspruch hat die Mannschaft, den muss man erfüllen.

STANDARD: Spiegelt das auch die Entwicklung des Fußballs wider?

Ludwig: Ja, das individuellere, gezielte Arbeiten ist ein Trend, der sich auch beim Nachwuchs, in anderen Projekten wiederfindet. Es geht auch um die körperliche Entwicklung. Die Belastungen sind ja auch höher geworden, in Europa gab es weniger Nationen, die Qualifikation war nicht so intensiv. Es hat keine Champions League gegeben, die Fußballer spielen heute an die 80 Spiele pro Jahr.

STANDARD: Sind die Fußballer als Menschen andere geworden?

Ludwig: Nein, in jeder Generation hat man spezielle Typen: die Leader, die Braven, die Lustigen, die Ruhigen, da hat sich nicht viel geändert. Ich glaube nur, dass diese Mannschaft besonders der interne Zusammenhalt auszeichnet. Sie kommen mittlerweile aus verschiedenen Teilen Europas. Früher gab es größere Rivalitäten, zwischen Wien und Innsbruck, zwischen Rapid und der Austria. Ich habe eine besondere Freude, weil man nicht das Gefühl hat, dass da eine ausgeliehene Mannschaft kommt, obwohl sie das eigentlich ist.

STANDARD: Ist das Umfeld der Mannschaft, Sponsoren, Fans et cetera, massiv größer geworden?

Ludwig: Deutlich, und auch die Ansprüche sind größer, zu Recht, weil die Leute auch mehr zahlen, daher erwarten sie auch mehr Gegenleistung. Und wir sind auch verpflichtet, weil die Firmen haben ja auch gezahlt, wenn wir uns nicht qualifiziert haben. Jetzt sind wir verpflichtet, das auch zurückzugeben. Die Mannschaft hat das sportlich ermöglicht. Im Rahmen der von der Uefa eingeräumten rechtlichen Möglichkeiten müssen wir unseren Partnern eine möglichst attraktive Plattform bei der EM bieten. Man darf nicht vergessen, dass die nächste Qualifikation im September beginnt.

STANDARD: Dem höheren Aufwand steht wohl höherer Gewinn gegenüber. Wie viel mehr ist drin?

Ludwig: Na gar nichts, wir haben 2008 bei der Heim-EM 7,5 Millionen Euro Startgeld bekommen, jetzt sind es acht. Man muss eben durch 24 teilen. Das Geld wird mehr, wird aber auch durch mehr geteilt. Und für einen Sieg gibt es, glaube ich, eine Million und für das Unentschieden 500.000 Euro.

STANDARD: Das sind die offiziellen Prämien, aber was man über die Sponsoren lukrieren kann ...

Ludwig: ... erhöht sich deutlich. Gegenüber einem Normaljahr sicher um 30 bis 40 Prozent.

STANDARD: Wir gut steht der ÖFB finanziell insgesamt da?

Ludwig: Wir stehen solid da. Seit Jahren. Wir müssen Reserven haben. Alles andere wäre fahrlässig, denn man kann in der Gruppenphase ausscheiden und zum Auftakt der WM-Quali gegen Georgien verlieren. Dann ist schon wieder Wehklagen. Bleibt der Erfolg aus, muss man finanziell aber eher noch zulegen als nachlassen.

STANDARD: Kann man schätzen, welchen Umsatz allein das Merchandising macht?

Ludwig: Nein, nicht seriös, weil das gerade läuft, aber ich gehe schon davon aus, dass der Nettoertrag in Millionenhöhe liegt.

STANDARD: Mit dem Team ist seit März finanziell alles unter Dach und Fach. Sogar schon für die WM-Qualifikation für 2018. War der Abschluss maßvoll, normal?

Ludwig: Leistungs- und erfolgsorientiert. Und daher gut.

STANDARD: Sie gehen nach 35 Jahren im ÖFB in Pension. Hat sich mit den Jahren Ihr Abstand zur Mannschaft verändert?

Ludwig: Wie ich 1981 gekommen bin, als Pressechef, hatte ich eine andere Funktion und daher ein anderes Nahverhältnis. Aber diese Mannschaft, ihre Herzlichkeit mir gegenüber, hat mich irrsinnig berührt. Diese Mannschaft mit all ihren Typen liegt mir mörderisch am Herzen. Dieser Abschied ist am schwersten.

STANDARD: Was wird die Mannschaft in Frankreich erreichen?

Ludwig: Der Spruch vom Präsidenten ist gut: "Wenn wir mehr als dreimal die Hymne hören, ist es gut." Ich sage: Wenn diese Mannschaft das bringen kann, was sie in der Quali gezeigt hat, und wenn sie von Benachteiligung und Verletzung verschont bleibt, kenne ich keine Grenzen. (Sigi Lützow, 3.6.2016)

Alfred Ludwig (65) ist seit 1981 beim Österreichischen Fußballbund, ab 1986 als Generalsekretär, seit 2009 als Generaldirektor. Der Wiener geht im Sommer in Pension, seine Agenden gehen an Bernhard Neuhold (Geschäftsführer) und Thomas Hollerer (Generalsekretär).

  • Pensionist Alfred Ludwig wird die Mannschaft um Marc Janko und David Alaba sehr vermissen.

    Pensionist Alfred Ludwig wird die Mannschaft um Marc Janko und David Alaba sehr vermissen.

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