Der Boulevard auf dem Küniglberg

Kommentar der anderen2. Juni 2016, 17:16
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Zigarettenschockbilder: Warum bläst der ORF eine substanzlose Geschichte dermaßen auf?

Bizarrer Rechtsstreit wegen Schockbild" heißt der ZIB 2-Beitrag: Eine Familie aus Waidmannsfeld meint, ihren an Krebs verstorbenen Vater auf neuen Schockbildern für Zigarettenschachteln zu erkennen. 130 ihrer Mitbürger, die das genauso sehen, unterzeichnen eine Unterschriftenliste. Die Kanzlei des Ex-FPÖ-Justizministers Dieter Böhmdorfer nimmt sich der Geschichte an und fordert die zuständige Behörde auf, das Foto aus dem Verkehr zu ziehen. Die Behörde antwortet, es handle sich nicht um den verstorbenen niederösterreichischen Familienvater, sondern um den deutschen Doppelgänger T. S., der schriftlich sein Einverständnis für die Verwendung des Fotos erklärt habe – nicht aber dafür, namentlich durch Österreichs Medienlandschaft gezerrt zu werden. Das Wiener AKH, in dem der Verstorbene in Behandlung war, erklärt schließlich, dass – und warum – das umstrittene Foto nicht im AKH aufgenommen worden sein kann. Kurzum: Die ZIB 2 hat die Geschichte voll ausrecherchiert, und alle Elemente sind in ihrem Fernsehbeitrag offen dargelegt. Professioneller Journalismus.

Und doch stimmt hier etwas nicht. Denn: Wo ist eigentlich die Story? Der ORF hat sie ja offensichtlich selbst "totrecherchiert", wie das im Journalistenjargon heißt. Die Antwort ist einfach: Es geht um die EU. Die ist immer für Geschichten gut, die sich mit "bizarr", oder "Schock" oder sonst wie überzeichnet titeln lassen. Armin Wolf fasst in seiner Abmoderation süffisant zusammen: "An der Öffentlichkeitsarbeit der Europäischen Kommission könnte man möglicherweise noch etwas arbeiten."

Der Anchorman hat recht: Denn anders als die vermeintlich betroffene Familie, der Ortsvorsteher von Waidmannsfeld, die Anwältin aus der Kanzlei Böhmdorfer, die ihre Emotion vor die Kamera tragen und spekulieren dürfen, die EU habe etwas zu verbergen, redet der Kommissionssprecher in Bürokratenenglisch von Dingen wie "Datenschutz".

Hier liegt auch der Wirklichkeitskern der Geschichte: Die ORF-Redakteure haben zwar sauber recherchiert und im Ergebnis dargelegt, dass an der ursprünglichen Story selbst offenbar nichts dran ist. Sie deuten aber nur in einem Nebensatz an, was die einzige, wahre Substanz ist: Wäre hier nicht eine mitfühlendere Reaktion der Brüsseler Behörde möglich gewesen? Warum, wenn sich eine österreichische Familie vom Foto eines Doppelgängers nun einmal verletzt fühlt, nicht einfach das Bild austauschen?

Man könnte jetzt erwidern: weil es auch in Portugal einen Mann gibt, der meint, er sei die Person auf dem Schockbild. Oder, bürokratischer und herzloser: weil es Zehntausende von Euros an Steuergeldern kosten würde. Oder, demagogischer: weil dann multinationale Tabakkonzerne ihre Zigarettenschachteln wieder ändern müssten und deshalb die EU auf Schadenersatz in Millionenhöhe verklagen würden – vielleicht gar vor privaten Schiedsgerichten? Und was der Boulevard dann schreiben würde?

Man könnte aber auch fragen: Warum geht die ZIB 2 auf diese Kernfrage so wenig ein? Warum gibt sie stattdessen den – gewiss verständlichen – Gefühlen Betroffener so viel Raum? Den üblichen Verdächtigungen, die EU sei ein Obskurant? Den wirtschaftlichen Interessen einer Anwaltskanzlei, die das angebliche Foto eines toten Familienvaters zwar von Zigarettenschachteln verbannen will, stattdessen aber sein richtiges in die Hauptnachrichtensendung des Landes bringt, statt den Fall erst einmal einfach nur in aller Ruhe vor Gericht?

Die Antwort ist vielleicht: Es ist die Mischung, die auch Krone, Heute, Österreich so erfolgreich gemacht hat. Emotion, Spekulation, Schmähung, Unterschriftenlisten, Nachrangigkeit von Fakten. Da wird auch einer totrecherchierten Geschichte noch einmal Leben eingehaucht, weil der Zombie "EU" immer für ein Gruseln gut ist. Auch wenn Florian Scheuba an dieser Stelle gestern anderer Meinung war: Der Boulevard ist trotz Kanzlerwechsels und Präsidentschaftswahl nicht am Ende. Er ist zur Normalität geworden. Bis hoch hinauf auf den Küniglberg. (Jörg Wojahn, 2.6.2016)

Jörg Wojahn (Jg. 1971) ist Vertreter der Europäischen Kommission in Österreich. Vor seiner Tätigkeit für die Kommission war er Journalist, unter anderem beim STANDARD.

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