Sklaven in Indien: Verschleppt, verkauft, missbraucht

3. Juni 2016, 08:00
72 Postings

Offiziell verschwinden in Indien jedes Jahr 100.000 Kinder. Viele enden als Sklaven in Haushalten und Bordellen oder als Bettler

Neu-Delhi / Dubai – Am Tag musste sie 14 bis 16 Stunden im Haushalt schuften und in der Nacht ihrem "Arbeitgeber" zu Willen sein. Mausami war noch ein halbes Kind, als ihre Eltern sie in die indische Metropole Delhi schickten. Zu arm, um für sie sorgen, glaubten sie das Beste für ihre Tochter zu tun. Ein Agent hatte ihnen versprochen, ihr einen guten Job zu verschaffen. Stattdessen verkaufte er das Mädchen als Haushaltssklavin. Ihr "Dienstherr" behandelte sie wie eine Gefangene. Als eine Hilfsorganisation sie schließlich mithilfe der Polizei befreite, war die 16-Jährige im dritten Monat schwanger.

Auch Imtiyaz' Eltern hofften auf eine bessere Zukunft für ihren Sohn. Ein wohlhabender Mann hatte ihnen zugesichert, die Schule für den Burschen zu bezahlen, wenn er ihm dafür "ein paar Stunden" zur Hand gehe. Stattdessen musste Imtiyaz 16 Stunden in einer von Delhis Hinterhof-Fabriken schuften. "Wenn ich einen Fehler gemacht habe, hat mich mein Arbeitgeber geschlagen. Wenn ich sagte, dass ich zu meinen Eltern will, hat er mich auch geschlagen", erzählte Imtiyaz später seinen Rettern.

1,4 Prozent Indiens versklavt

Moderne Sklaverei hat viele Gesichter. Gemeinsam ist den Opfern, dass sie nicht fliehen können und wie Vieh gehandelt werden. Mindestens 45,8 Millionen Menschen arbeiten laut einer Studie der australischen Stiftung "Walk Free" weltweit in sklavenähnlichen Verhältnissen. Allein ein Drittel davon lebt in Indien. Dort werden 18,3 Millionen Menschen in so brutaler Abhängigkeit gehalten, dass die Studie von moderner Sklaverei spricht. Das sind 1,4 Prozent der indischen Bevölkerung. Nur Nordkorea (4,4 Prozent), Usbekistan (3,9 Prozent) und Kambodscha (1,6 Prozent) liegen dabei noch vor Indien.

Hinter den Zahlen verbergen sich Geschichten wie die von Mausami und Imtiyaz. Vor allem Kinder und Frauen aus armen Verhältnissen werden leicht Opfer der Menschenhändler. Jedes Jahr verschwinden laut offiziellen Zahlen 100.000 Kinder, die meisten davon Mädchen. Einige müssen in Haushalten schuften oder werden als Bräute verkauft. Andere als Kinderarbeiter in Fabriken gesteckt. Wieder andere von Mafiabanden zum Betteln auf die Straße geschickt. "Oft werden sie verstümmelt, weil Behinderte mehr Geld bekommen. Die Banden erhöhen ihre Gewinne, wenn sie dem Kind die Augen herausschneiden oder Körperteile amputieren", berichtet der Menschenrechtsaktivist Kundan Srivastava.

Mit Eisenstange gefügig gemacht

Menschenhändler machen sich systematisch an junge Mädchen aus armen Familien heran. So auch an Maya aus Uttar Pradesh. Sie wurde erst von einer Gruppe Männer vergewaltigt und dann an eine "Madam" in Varanasi verkauft, die sie mit heißen Eisenstangen traktierte, bis sie gefügig war. Nach zwei Jahren konnte sie mithilfe eines Freiers fliehen.

Rameshs Kindheit endete, als er gerade acht Jahre war. Wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater musste er in einer kleinen Ziegelbrennerei in Bihar arbeiten. Seine ganze Familie lebte seit Generationen in Schuldknechtschaft. Drei Jahre lang schleppte der Junge Steine. Erst als die Fabrik dichtmachte und er als Teebursche arbeitete, konnte er davonlaufen.

Über Generationen verschuldet

"Schuldknechtschaft ist weltweit die häufigste Form moderner Sklaverei", schreibt die Wissenschafterin Sarah Knight in einem Aufsatz. Ganze Familien, meist aus den ärmsten Schichten, verpfänden ihre Arbeitskraft, um einen Kredit, etwa für Nahrung oder medizinische Hilfe, aufzunehmen. Doch die Zinsen sind derart hoch, dass sie kaum Chancen haben, den Kredit je abzuzahlen. Obwohl Schuldknechtschaft seit 1976 in Indien eigentlich verboten ist, ist sie bis heute laut Experten auch dort verbreitet.

Die meisten Schuldensklaven finden sich in der Landwirtschaft, aber auch in Ziegel-, Textil- und Feuerwerksfabriken, in Steinbrüchen und auf Teeplantagen. Opfer sind vor allem Dalits, die aus ehemaligen Unberührbaren und Eingeborenen-Stämmen bestehen. Die Kreditgeber drohen mit Gewalt, wenn sie das Geld nicht abarbeiten. Nur die wenigsten entkommen der Schuldenspirale. Oft werden die Schulden über Generationen weitervererbt. "In einigen Dörfern gibt es Familien, die über 200 Jahre oder acht Generationen in Schuldknechtschaft gefangen sind", so Knight. (Christine Möllhoff, 3.6.2016)

  • Vor allem Kinder aus armen Familien werden oft mit falschen Versprechungen zu Sklavenarbeit gezwungen.
    foto: apa/afp/manan vatsyayana

    Vor allem Kinder aus armen Familien werden oft mit falschen Versprechungen zu Sklavenarbeit gezwungen.

Share if you care.