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Beethoven im O-Ton

6. Juni 2016, 00:00

Die neun Sinfonien Ludwig van Beethovens bei der styriarte 2016

"Schönere Noten brächten mich schwerlich aus den Nöten", hat Beethoven einmal geantwortet, als man ihn auf seine unleserliche Notenschrift ansprach. Schöne Noten wollte Nikolaus Harnoncourt nie dirigieren, schon gar nicht bei Beethoven, sondern von den Nöten der Menschheit erzählen. "Von Herzen – möge es wieder zu Herzen gehen!" hat Beethoven auf die Partitur der "Missa solemnis" geschrieben, und genauso hat sie Harnoncourt bei der letzten styriarte aufgeführt: unerbittlich, zerrissen, als flehentliche "Bitte um äußeren und inneren Frieden". Dass es ihm nicht mehr vergönnt war, nun auch die neun Sinfonien zu dirigieren, muss ihn geschmerzt haben. Sein Tod war ein Abschied auch von diesem geliebten Projekt. Was bleibt, ist sein Instrument: der Concentus Musicus Wien. In dessen Klang schwingt die Klangrede des Gründers noch nach und zu einer jungen Generation hinüber. Sie muss die Verantwortung nun tragen – das Gewicht der Beethovenʼschen Noten, die nie "schöne" Noten sind, sondern Botschaften an die Menschheit sein wollen.

Beethovens Botschaften

"Ist der auch nichts anders wie ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen; er wird sich nun höher wie alle Andern stellen, ein Tyrann werden!" Mit diesen wütenden Worten zerriss Beethoven das Titelblatt zur Dritten Sinfonie, die ursprünglich "Bonaparte" heißen sollte. Napoleon hatte sich zum Kaiser gekrönt und kam nicht mehr als Namensgeber für eine Sinfonie in Frage, die den Kämpfern für die Menschenrechte gewidmet war. Aus der "Sinfonie genannt Bonaparte" wurde die "Sinfonia Eroica". Beethovens Dritte heute aufzuführen, ohne diesem Impetus des Komponisten nachzuspüren, wäre sinnlos. Das weiß auch Jérémie Rohrer, der Beethovenspezialist aus Frankreich. Er wird die "Eroica" bei der styriarte zusammen mit der "Pastorale" dirigieren – offenbar die populärste Paarung im styriarte-Programm, obwohl an der "Eroica" bei ihrer Uraufführung keine Note "populär" war.

Dem widerständigen Beethoven ist auch Karina Canellakis auf der Spur, wenn sie die Erste und Achte in einem Programm dirigiert. "Nur" der "heitere" Beethoven, könnte man fragen, seine leichten, klassischen Stücke in einem Programm? Als man Beethoven fragte, warum denn seine Achte nach der umjubelten Siebten keinen Erfolg gehabt habe, sagte er: "eben weil sie besser ist". Die gängigen Urteile über seine Sinfonien trügen. Igor Strawinski konnte überhaupt nur die Sinfonien mit gerader Nummer ertragen: die Zweite, Vierte, Sechste und Achte. Er wäre sicher zum ersten Konzert des Grazer Beethoven-Zyklus gekommen.

Ungewöhnlich sind auch die Kombinationen der Zweiten und Siebenten, dirigiert von Karina Canellakis, und der Vierten mit der Fünften, die Andrés Orozco-Estrada als Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters vor kurzem in Frankfurt zu einer Doppelaufführung von unerbittlicher, geradezu Harnoncourtʼscher Schärfe gebracht hat. Die Sinfonienpaare der styriarte hat Nikolaus Harnoncourt noch selbst festgelegt, jeweils so, dass beide Nummern zusammen eine Neun ergeben. Die Neunte wird zum imposanten Finale von Andrés Orozco-Estrada geleitet.

Die Klangfarben des Concentus

Unwillkürlich geraten die jungen Pultstars in den Sog des verstorbenen Maestros, denn wie eine Mahnung hat er ihnen seine letzte Aufnahme hinterlassen: die Vierte und Fünfte, live mitgeschnitten im Wiener Musikverein. Sie wirkt so frappierend, als habe man noch nie Beethoven im Originalklang gehört. Kaum erschienen, hat sie in Frankreich bereits den "Diapason d’or" gewonnen: "Credo d’Harnoncourt et coup de théâtre testamentaire", "Harnoncourts Credo und ein Theatercoup als Vermächtnis".

Was die Aufnahme neben Harnoncourts Dirigat zur Sensation macht, ist die Klangkultur des Concentus Musicus. Man spürt, wie konsequent das Orchester von seinem Gründer zum Sprechen in Tönen erzogen wurde. "Bezüglich des Ausdrucks, der kleineren Nuancen, der ebenmäßigen Verteilung von Licht und Schatten hielt er auf große Genauigkeit und besprach sich gerne einzeln mit Jedem darüber." So berichtete Ignaz von Seyfried vom Dirigenten Beethoven. Er könnte Harnoncourt gemeint haben. Das genaue Ausdeuten von Beethovens Artikulation haben Konzertmeister Erich Höbarth und die Streicher des Concentus bei ihrem Maestro gelernt. Nun stellen sie es in den Dienst der jungen Dirigenten, ebenso die Holzbläser ihren wunderbar warmem Klang, die Blechbläser ihre scharfen Akzente auf Naturhörnern und Naturtrompeten. "Beethovens Trompetenoktaven und Pauken-Sforzatos sind Explosionen schmerzhafter Verzweiflung und trotzigster Energie", so meinte schon Richard Strauss. Unendlich viele Nuancen in Beethovens Sinfonien warten auf solche Explosionen der Leidenschaft.


Samstag, 25. Juni, 20 Uhr
Stefaniensaal
Beethoven 1 + 8
Concentus Musicus Wien
Dirigentin: Karina Canellakis

Sonntag, 26. Juni, 20 Uhr
Stefaniensaal
Beethoven 2 + 7
Concentus Musicus Wien
Dirigentin: Karina Canellakis

Mit 30 war Beethoven noch nicht taub, sondern "ein stör risch aus se hen der jun ger Mann, in dem der Satan steckt." Teuflisch wild hat er auch seine Erste Symphonie angelegt. Karina Canellakis dirigiert sie "mit dem Feuer der Jugend", "kühn", "voller erschütternder Aufregungen" – ganz so wie der junge Beethoven. In der Achten setzt die Amerikanerin auf Humor. Davon hatte Beethoven mit 41 wahrhaft genug – zu viel für den Geschmack seiner Zeitgenossen. Sie mochten seine Achte viel weniger als die Siebente. Warum? "Weil sie so viel besser ist", meinte der Meister. "Weil die Siebte so viel eingängiger ist", würde das Publikum sagen. Allein schon der zweite Satz: Wer denkt da nicht an "The King’s Speech", wenn der König endlich ohne Stottern zu den Briten spricht? Und beim Finale, wer möchte da nicht mittanzen? Die Zweite ist das passende Gegenstück zur Siebenten: genauso militärisch, genauso stürmisch und fast so mitreißend.

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Fr, 8. & Sa, 9. Juli, 20 Uhr
Stefaniensaal
Beethoven 3 + 6
Concentus Musicus Wien
Dirigent: Jérémie Rhorer

Wie was? Eine Symphonie von einer Stunde Länge? Das hatte es vor 1804 noch nie gegeben. Mit der "Eroica" sprengte Beethoven alle Grenzen, damals eine Zumutung für Musiker und Publikum. Heute liebt man ihn dafür, dass er dem General Napoleon Bonaparte dieses Denkmal setzte. Der riesige erste Satz ist eine Kavallerie-Attacke, der zweite Satz ein Trauermarsch für die gefallenen Helden, der letzte Satz eine Auferstehung, alles so gewagt komponiert, dass die Musiker des Concentus Musicus heute noch ins Schwitzen kommen. In der "Pastorale" dürfen sie sich zurücklehnen. Hier hat der Meister Erinnerungen an das Landleben in himmlisch schönen Klangbildern ausgemalt, mit plätscherndem Bach und zwitschernden Vögeln, einer Dorfkapelle und einem Hirten auf seiner Schalmei. Aber Vorsicht: Wenn Jérémie Rhorer das berühmte Gewitter dirigiert, sollte man in Deckung gehen wie die fliehenden Bauern bei Beethoven. Der Originalklang-Regisseur aus Frankreich liebt die naturalistischen Effekte, wenn die Blitze durchs Orchester zucken und der Paukendonner die Ohren beutelt.

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Freitag, 22. Juli, 20 Uhr
Stefaniensaal
Beethoven 4 + 5
Concentus Musicus Wien
Dirigent: Andrés Orozco-Estrada

Do, 21. & Sa, 23. Juli, 20 Uhr
Stefaniensaal
Beethoven 9
Genia Kühmeier / Elisabeth Kulman / Steve Davislim / Florian Boesch
Arnold Schoenberg Chor
Concentus Musicus Wien
Dirigent: Andrés Orozco-Estrada

"So klopft das Schicksal an die Tür", soll Beethoven zum Anfang der Fünften Symphonie gesagt haben, deshalb heißt sie bis heute die "Schicksalssymphonie". "Alles Unsinn!", meinte Nikolaus Harnoncourt. Er hörte beim "ta-ta-ta-taaa" der Fünften die Ketten einer unterdrückten Nation rasseln, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt: erst ein Gebet, dann eine Studentenrevolte, zum Schluss der Triumph über die Unterdrücker. Andrés Orozco-Estrada dirigiert den weiten Weg vom düsteren Anfang bis zum jubelnden Schluss nach Harnoncourts Partitur und in seinem Sinne: kompromisslos zupackend, als riesige Steigerung. Auch er findet, dass sich die Vierte vor der Fünften nicht verstecken muss. Von allen neun Symphonien enthält sie die geheimnisvollste Einleitung, die rasanteste Steigerung zum Allegro, das schönste romantische Adagio und das witzigste Finale. Genügend Gründe, sie so ernst zu nehmen wie die Fünfte – oder die Neunte. Mit der "Ode an die Freude" feierte Orozco-Estrada in seiner Wahlheimat Frankfurt stürmische Erfolge – wie Beethoven im Mai 1824 bei den ersten Aufführungen der Neunten.

Karten und Informationen:
styriarte Kartenbüro
Sackstraße 17, 8010 Graz
Tel: 0316.825 000
tickets@styriarte.com
www.styriarte.com

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