"Weltjournal spezial" im ORF: Libyens Sand vor Augen

2. Juni 2016, 16:11
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"Europas neue Fronten" laufen durch verminte Gelände. Dieses exzellente "Weltjournal" ersetzt ganze Jahrgänge dokumentarischen Theaters

Man muss Reisende um ihre Ausflüge nicht immer beneiden. Reporterin Antonia Rados besuchte im Auftrag des ORF-"Weltjournals" den Nahen Osten sowie den arabischen Mittelmeerraum. "Europas neue Fronten", so der Titel, laufen durch verminte Gelände.

foto: orf

Man nehme Aleppo. Dort klaffen die Häuserfronten hässlich auf. Ein gemütlich wirkender Milizionär der syrischen Befreiungsfront zeigt mit nikotingelbem Finger auf das nächste Gebäude. Dort, in unmittelbarer Nachbarschaft, sitzen die Soldaten Assads. Quer über die Straßen hat man Leintücher gespannt, um den Scharfschützen das Blickfeld zu verstellen. Irgendwo hinter den Schutt bergen hausen Zivilisten. Menschen, die leben, ohne dass man sie sieht.

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Zahlreichen Notleidenden ist Rados begegnet. Wenn die Waffen schweigen, sieht man Tunesier, Iraker und Syrer vor Teegläsern sitzen. Salafisten erkennt man an der Barttracht. Mit dem IS will keiner etwas zu tun haben. Zugleich kann niemand für die Unrast der Jugendlichen bürgen. Väter begleiten in der tunesischen Provinz ihre 14-jährigen Söhne in den Fitnessclub.

Nichts erinnert an die Aufbruchstimmung des Arabischen Frühlings. Liegestütze sollen von der Hoffnungslosigkeit ablenken. Die Alternativen für die Heranwachsenden werden von den Eltern schonungslos benannt. Entweder würden ihre Sprösse Diebe, oder "sie gehen ins Paradies".

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Dazwischen sieht man Frau Rados' ebenmäßiges Antlitz. Man glaubt zu spüren, wie sogar spröde Koranprediger zu der Dame Vertrauen fassen. Der Staub der libyschen Wüste entzieht die Kalifatskrieger dem Blick. Dieses exzellente "Weltjournal" ersetzt ganze Jahrgänge dokumentarischen Theaters. (Ronald Pohl, 2.6.2016)

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