Prozess gegen Jihadisten-Brüder: Je vier Jahre Haft

2. Juni 2016, 15:40
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Den syrischen Brüdern wurde in Graz die Beteiligung an einer terroristischen Organisation vorgeworfen. Der Jüngere war bereits als 14-Jähriger im IS-Terrorstaat "Scharia-Polizist"

Graz – Sie waren noch so jung, Kinder eigentlich, als sie in die Gehirnwäschemaschinerie örtlicher syrischer, islamistischer Milizen und des IS gerieten. Der Krieg hatte in ihrem Dorf nahe Aleppo die Schule, die ganze Infrastruktur zerstört. Die Terroristen zahlten 100 Dollar und eine Islamausbildung. Zuerst Scharia-Unterricht, dann Waffenkunde, dann Einsatz im Kampf gegen die Ungläubigen.

Die beiden Brüder waren 14 und 16 Jahre alt. Was sich junge Islamisten in Europa von Youtube herunterladen, bekamen die beiden mit eigenen Augen zu sehen: Köpfungen, öffentliche Auspeitschungen, Handabschlagungen. Sie waren mittendrin in dieser horriblen Realität. Und Akteure. Der Jüngere war vom IS als "Scharia-Polizist" eingesetzt. Er brachte Frauen, die das Kopftuch nicht korrekt trugen, oder Geschäftsinhaber, die zu Gebetszeiten ihre Läden offen hielten, ins Gefängnis.

Die beiden Brüder geben am Donnerstag, als sie vor dem Grazer Schöffengericht sitzen, im Grunde alles zu. Der Ältere bejaht, bei der Terrormiliz Ahrar al-Sham gewesen zu sein, der jüngere erzählt von den Kontrollfahrten als "Scharia-Polizist".

Rüge fürs Biertrinken

Sie kamen 2015 als Flüchtlinge nach Österreich und wurden bald darauf – nach einem Tipp aus Deutschland – in einer Asylbetreuungseinrichtung in Lebring verhaftet. Die Brüder sitzen seither in U-Haft und müssen sich nach internationalem Rechtsabkommen in Österreich wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten.

Sie beteuern, geflüchtet zu sein, als sie das mörderische Wesen des IS erkannt hätten. In ihrer Gedankenwelt spuken aber nach wie vor die Geister der IS-Propaganda. Beide ließen – laut Aussagen von Mitbewohnern des Asylheimes – auch hier keinen Zweifel daran, dass sie nach wie vor die Koranauslegung des IS für die einzig wahre hielten. In der Scharia-Schule lernten sie, wie sie vor Gericht erklären, der IS werde "die Welt befreien und die Ungläubigen umbringen".

Kein Alkohol, kein vorehelicher Verkehr, Fasten, Beten, Kopftuch: Die radikalislamistische Ideologie gibt ihnen auch heute noch geistige Führung. Die Strenge des Glaubens bekamen auch Mitbewohner des Asylheims zu spüren. Der Ältere rügte etwa einen anderen jungen Flüchtling wegen dessen Bierkonsums: "Würde ich dich in Syrien treffen, würde ich dir den Kopf abschlagen."

"Das geht dich nichts an"

Stimmt nicht, "war alles nur Spaß", sagt der Angeklagte. Es sei auch nicht richtig, dass er noch im Flüchtlingsheim mit Mitgliedern der Terrorvereinigung telefoniert habe.

Die Eltern leben nach Aussagen der Brüder unbehelligt weiter im heimatlichen Dorf. "Seltsam", sagt der Richter, "wenn Söhne fliehen, bekommen doch wohl auch die Eltern Probleme mit dem IS?" "Nein", sagt der Ältere, "die sind doch schon alt, was sollen die noch mit denen?" "Wie alt?", fragt der Richter nach. "Der Vater ist 52, die Mutter 47."

In der Flüchtlingsunterkunft habe der Ältere den Eindruck erweckt, erzählt ein Mitbewohner, dass er sogar nach wie vor IS-Sympathisant sei. "Und warum bist du dann geflüchtet?", habe er ihn gefragt. "Das geht dich nichts an", habe er als Antwort erhalten.

Das – nicht rechtskräftige – Urteil: je vier Jahre Haft. (Walter Müller, 2.6.2016)

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