70er-Jahre auf der Schallaburg: Alles muss sich ändern!

3. Juni 2016, 14:50
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Wohlfahrtsstaat, Feminismus, NS-Schuld: Die 70er-Jahre waren eine Zeit der Polarisierung und großen gesellschaftlichen Umbrüche. Dass die Konfliktlinien des radikal neuen Jahrzehnts bis ins Heute reichen, zeigt die Ausstellung auf der Schallaburg

Der Feind des Fortschritts ist die Bequemlichkeit. Entsprechend unsanft führt die aktuelle Ausstellung auf der Schallaburg zuallererst in eine Rumpelkammer. Ein wildes Durcheinander an Alltags-Reliquien, vom Papstbild bis zum Protestplakat, erzählt von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, von einem Jahrzehnt der großen gesellschaftlichen Kämpfe und kleinen Konsumfreuden. Die 70er-Jahre-Ausstellung mit dem Titel "Damals war Zukunft" ist keine Wohlfühlschau. Sie will irritieren, anecken und die Fäden ins Heute spannen. Das Kulturvermittlerbüro trafo.k hat die Ausstellung getreu dem 70er-Jahre Motto "Do it yourself" gestaltet. Vieles muss man sich selbst erarbeiten.

Die Schallaburg wagt damit eine Neuausrichtung, weg vom bequemen Frontalunterricht, hin zu mehr Diskurs und experimentellen Vermittlungsstrategien. Ihre Chronik der Nachkriegszeit schreibt die Schallaburg unbeirrt fort: Nach "Die ‚wilden’ 50er" (1985) und der 60er-Schau "Beatles, Pille und Revolte " (2010) sind nun die 70er an der Reihe. Anhand tausender Objekte und Dokumente, eher lose angeordnet, beschreitet der Besucher seinen ganz persönlichen Weg durch das Jahrzehnt, das Österreich – wie so oft verspätet – in der Nachkriegsmoderne ankommen ließ.

Freilich stammten viele Reformideen bereits aus den 60ern, aber nun schritt man zur Tat. Die 70er waren Jahre der Praxis auf allen gesellschaftlichen Ebenen. "Alles muss sich ändern!", prangt als Parole an einer Wand der Ausstellung: Familie, Arbeit, Bildung, Wohnen und Freizeit erfuhren maßgebliche Umbrüche. Der Geburt einer linken Zivilgesellschaft aus dem Geist der 68er-Bewegung stand die Politik der Regierung Kreisky gegenüber (und teils zur Seite). Von 1971 bis 1983 regierte seine SPÖ absolut. Einige der in dieser Zeit verabschiedeten Sozial- und Familienreformen wurden vom Protest auf der Straße maßgeblich angestoßen. Heute wird allzu oft um deren Erhaltung gerungen.

Kampf um Rechte und gegen Atom

1972 wurde in Wien die Frauengruppe AUF gegründet. Ihr erster öffentlich wirksamer Auftritt ist auf einem Foto festgehalten: Die Aktionskünstlerin Erika Mies ließ sich aus Protest gegen die Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs an einem Einkaufssamstag, eingesperrt in einen Käfig, von drei als Rechtsanwalt, Priester und Arzt verkleideten Männern durch die Wiener Mariahilferstraße ziehen. Am Ende zertrümmerte sie ihren Käfig als Akt der Selbstbefreiung mit einer Axt.

Proteste wie diese zeigten Wirkung: Mit der Familien- und Strafrechtsreform von 1975 wurde nicht nur die Fristenlösung für Schwangerschaftsabbruch eingeführt, sondern auch die Strafbarkeit von Homosexualität abgeschafft. So finden sich in der Ausstellung auch Druckwerke erster legaler Schwulengruppen, wie der Homosexuellen Initiative (HOSI), die bis heute aktiv für die Rechte Homosexueller eintritt.

Ihre Spuren im Wien der 70er-Jahre hinterließ auch die sogenannte Arena-Bewegung. Rund um das ehemalige Schlachthofareal im Bezirk Landstraße hatte sich seit 1970 eine alternative Veranstaltungsschiene der Wiener Festwochen etabliert. Die alte Arena im Auslandsschlachthof wurde zum Zentrum des jungen avantgardistischen Kulturlebens. 1976 sollte das Areal abgerissen und an eine Textilkette verkauft werden. Die Szene protestierte und besetzte den Schlachthof über mehrere Monate. Abgerissen wurde zwar trotzdem, aber die Stadt Wien ließ sich auf einen Kompromiss ein: Die Arena konnte in den benachbarten Inlandsschlachthof umziehen, wo sie bis heute kulturell bespielt wird.

Im Widerstand gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf formierte sich erstmals auch die österreichische Umweltbewegung. Die sollte zwar erst in den 1980er-Jahren zur politischen Kraft heranwachsen, ihr Aktionismus aber machte sich schon 1978 bezahlt. In einer legendären Volksabstimmung sprachen sich knapp über 50 Prozent gegen die Inbetriebnahme des AKWs aus. Wie im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf entschieden lediglich 30.000 Stimmen über den Ausgang. Kreisky, der süffisant meinte, Atommüll könne man auch in seinem Garten vergraben, hatte die Abstimmung mit seinem politischen Schicksal verknüpft. Auf den angekündigten Rücktritt verzichtete der "Sonnenkönig" letztlich, stattdessen fuhr er im Mai 1979 mit 51 Prozent das beste SPÖ-Wahlergebnis der Geschichte ein – damals noch mit über 90 Prozent Wahlbeteiligung.

Gastarbeiter und FPÖ-Frage

Im Saal zu Arbeit und Migration versucht man die Geschichte der Gastarbeiter darzustellen. Zu sehen sind etwa Audiokassetten, die hin- und hergeschickt wurden, um mit der Familie im Herkunftsland zu kommunizieren. Neben "Arbeit für Alle" (es herrschte Vollbeschäftigung) wurde auch der Losung "Bildung für Alle" Rechnung getragen. 206 Bundesschulen wurden in dieser Zeit gebaut, antiautoritäre Erziehungsratgeber, die vollmundig "Erziehung als Praxis der Freiheit", "Entschulung der Gesellschaft" oder "Erziehung und Klassenkampf" einforderten, scheinen hingegen heute einem publizistischen "Kinder brauchen Grenzen"-Trend gewichen zu sein.

Thema ist auch die Medienrevolution der 70er-Jahre: Fernsehen fürs Massenpublikum. In ihrer frühen Videoarbeit "Facing a Family" (1971) dreht die Medienkunst-Pionierin Valie Export den Spieß um und zeigt eine fernsehende Familie aus der Sicht des TV-Geräts. Dabei fallende Sätze wie "Horch jetzt, sei ruhig!" legte Export schon damals kritisch auf die Waagschale. Mit dem Fernsehkastl wurde der Kreis der Familie zum Halbkreis. Mindestens genauso einschneidend muss sich die heute stattfindende Medienrevolution im Web 2.0 auf zwischenmenschliche Gefüge auswirken.

Erstaunlich aktuell auch eine Bruchlinie, die seit damals die SPÖ durchzieht. Das ambivalente Verhältnis der Partei zur FPÖ wird anhand der Auseinandersetzungen zwischen Bruno Kreisky und Nazijäger Simon Wiesenthal dargestellt. Kreisky, selbst jüdischer Herkunft, hatte sich zunehmend an die FPÖ unter Friedrich Peter angenähert. 1975 deckte Wiesenthal dessen SS-Vergangenheit auf. Kreisky aber verteidigte Peter und zog im Streit mit Wiesenthal sogar vor Gericht. Die Causa war Beschleuniger und Vorbote einer längst überfälligen Aufarbeitung der österreichischen NS-Schuld – die trotzdem erst mit der Affäre Waldheim im Jahr 1986 Fahrt aufnehmen sollte.

Spielwiese der Kulturvermittler

Stellenweise scheitert die voluminöse Gesamtschau an ihrem eigenen Anspruch, alles zeigen zu wollen. So wirkt die knappe Darstellung der international bewegten Musikgeschichte lieblos pflichtschuldig. Überhaupt hat man der Geschichte der Künste etwas wenig Raum beigemessen. Das Durchziehen der Ausstellung mit hunderten, teils nichtssagenden Konsumgütern auf einem "laufenden Band" (nach der gleichnamigen TV-Show), ist entbehrlich, zumal das Band die meiste Zeit still steht.

Verständnis für das improvisiert wirkende Ausstellungsdesign kann sich nur einstellen, wenn man die Intention dahinter kennt: All die damals wie heute aktuellen Fragen – vom Feminismus bis zur Wohnproblematik – wollen die Ausstellungsmacher schließlich in sogenannten Debattenräumen verhandelt wissen, die man direkt in die Schau integriert hat. Von denen lädt leider nur einer, der Nachbau einer Club 2 Ledergarnitur, so wirklich zum Verweilen ein. Der Rest ist Spielwiese der Kulturvermittler – und Mehrfachbesucher. Für die gibt es immerhin ein neues Ticketsystem: Nach Voranmeldung kann man sein Tagesticket ohne Aufpreis zu einer Dauerkarte für die laufende Ausstellung aufwerten. Das lohnt.

Dass es die Schallaburg mit ihrer diskursorientierten Neuausrichtung ernst meint, soll schon die nächste große Ausstellung unterstreichen: Ab März 2017 widmet man sich dem Thema Islam. Und auch die Chronologie der Nachkriegszeit will man weiterführen. Über die 80er-Jahre wird bereits nachgedacht. (Stefan Weiss, 3.6.2016)

  • In die Ausstellung integrierte Debattenräume, wie dieser Nachbau der legendären Club 2-Couch, laden zum Verhandeln von Erinnerung und Gegenwart ein.
    foto: www.kpic.at

    In die Ausstellung integrierte Debattenräume, wie dieser Nachbau der legendären Club 2-Couch, laden zum Verhandeln von Erinnerung und Gegenwart ein.

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