Drohender Rechtsstreit um Schockfoto auf Zigarettenpackungen

2. Juni 2016, 14:56
156 Postings

Ein umstrittenes Bild soll einen mittlerweile verstorbenen Niederösterreicher zeigen, der Nichtraucher war

Wien / St. Pölten – Durch die neue EU-Tabakrichtlinie sollen Raucher mit Schockfotos auf Zigarettenpackungen vom Rauchen abgebracht werden. Eines der von der EU-Kommission vorgegebenen Bilder soll allerdings einen im Februar 2015 verstorbenen niederösterreichischen Unternehmer zeigen, der Nichtraucher war. Die Witwe des Mannes plant nun gerichtliche Schritte gegen die Verbreitung des Bildes.

Die Frau ist sich "tausendprozentig sicher", dass es sich bei dem Abgebildeten, der an Schläuchen in einem Spitalsbett liegt, um ihren Mann handelt, der 2014 im Wiener AKH wegen eines Gehirntumors behandelt wurde. Es sei ein Schock gewesen, als sie das Bild eines Tages im Großformat im Fernsehen gesehen habe, sagte sie in der "Zeit im Bild 2" am Mittwoch. Sie will jetzt mit einer Unterlassungsklage gegen die weitere Verbreitung des Fotos vorgehen. Die Wiener Anwaltskanzlei, die ihre Interessen vertritt, war am Donnerstag vorerst zu keiner Stellungnahme bereit.

AKH schließt Aufnahme in seinen Räumen aus

Ein Sprecher der EU-Kommission versicherte der "ZiB 2", der Abgebildete sei ein Schauspieler, der sich mit der Veröffentlichung einverstanden erklärt habe. Dass das Foto die Angehörigen des niederösterreichischen Unternehmens aufwühle, tue ihm leid: "Unglücklicherweise schauen sich manche Menschen ähnlich. Das kann man leider nicht verhindern."

Aus Datenschutzgründen will die EU-Kommission die Identität des Schauspielers nicht bekanntgeben. Das Wiener AKH schloss wiederum gegenüber der "ZiB 2" aus, dass das Foto im AKH aufgenommen wurde. Die abgebildete Ausrüstung wie Defibrillator, Beatmungsschläuche und Wäsche würden "mit Sicherheit nicht verwendet", hieß es in einer Stellungnahme.

Postmortaler Persönlichkeitsschutz wirksam

Neben der Witwe versicherten allerdings auch der Schwager des Verstorbenen und der Bürgermeister der Gemeinde, das Foto zeige den Unternehmer. In der Gemeinde kursiert laut "ZiB 2" sogar eine Unterschriftenliste, die das bestätigen soll. Falls der Abgebildete tatsächlich der Unternehmer ist, könnte das – sollten die angekündigten gerichtlichen Schritte umgesetzt werden – gravierende Folgen haben. "Jeder, der das Bild verbreitet, hängt dann mit drinnen", sagt die auf Persönlichkeitsschutzrecht spezialisierte Rechtsanwältin Maria Windhager. Nach dem Ableben des Betroffenen müssten der postmortale Persönlichkeitsschutz und die berechtigten Interessen der Hinterbliebenen gewahrt werden. Schockfotos, die deren Erinnerung an den geliebten Angehörigen trüben, würden dem laut Windhager in jedem Fall entgegenstehen.

Das hätte zur Folge, dass sich eine Unterlassungsklage nicht nur gegen die mediale Verbreitung der Bilder, sondern auch gegen den Zigarettenhersteller und Trafikanten richten könnte, die die Packungen mit den Fotos verkaufen, sagt der auf Medien- und Persönlichkeitsschutz spezialisierte Anwalt Michael Rami. Der Bildnisschutz werde von der Judikatur "sehr großzügig" ausgelegt, nicht nur direkte Angehörige eines Verstorbenen, sondern auch ihm zu Lebzeiten nahestehende Personen könnten sich darauf berufen. Sollte das Foto den Unternehmer zeigen, stuft Rami die Erfolgsaussichten einer Klage als "sehr gut" ein. (APA, 2.6.2016)

Share if you care.