Johann Hauser: Die Qualität, nicht die Psychose bestimmt die Kunst

Ansichtssache3. Juni 2016, 09:00
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Am Sonntag feiert das Museum Gugging sein zehnjähriges Bestehen mit der Ausstellung "Der Künstler bin ich". Gezeigt werden mehr als 200 Werke Johann Hausers

Maria Gugging – Mutter Erde ist nicht rund, sondern eine Vagina. Im Schamhaargestrüpp ist schemenhaft ein Wesen erkennbar: Menschwerdung in Johann Hausers Kunstuniversum. Madonna auf Erdkugel mit Schlange aus dem Jahr 1969 ist eines der Frühwerke Johann Hausers, der dieses Jahr neunzig geworden wäre und dessen Todestag sich zum zwanzigsten Mal jährt.

Nun feiert das Museum Gugging, dessen Logo übrigens einer der blauen Sterne Hausers ist, den zehnten Geburtstag mit einer umfangreichen Retrospektive dieses Künstlers. Arnulf Rainer attestiert ihm allerhöchste Qualität, der Maler Peter Pongratz bezeichnet ihn als seinen Lehrer. "Der Künstler bin ich" lautet denn auch der selbstbewusste Ausstellungstitel. Mehr als zweihundert Arbeiten – teils großformatige Zeichnungen sowie feingestochene Druckgrafiken von betörender Präzision – dokumentieren Hausers fast kindliches Interesse für Einsatzfahrzeuge, für Militärflugzeuge, Hubschrauber, Raketen, für Tiere, Häuser und Sterne, vor allem aber für Frauen.

foto: privatstiftung – künstler aus gugging
Nackte Frau mit Hut, 1986, Bleistift, Farbstifte, Privatsammlung Wien.

Er zeichnete sie lebenstoll, furchterregend und teuflisch, mit riesigen, wie Waffen seitlich vom Körper abstehenden oder bis zum Nabel hängenden Brüsten. Die Geschlechtsteile ähneln alles verschlingenden, dicht umwucherten Löchern, verlockend und verstörend zugleich. Die Köpfe umkränzte der Gugginger Künstler mit hochaufragenden Haargebirgen oder bedeckte sie mit Hüten. Nur ein einziges unvollendetes Bild zeigt eine Frau ganz ohne Hut und Haar.

Bipolare Schübe

Kontur, Ordnung, Struktur sind wesentliche Parameter in Hausers Schaffen. Die Buntstifte und Malkreiden schlug er förmlich auf die Bildfläche, so dicht und heftig setzte er die Striche, dass die leuchtend bunten Farbfelder mitunter wie Ölbilder wirken.

Auch seine Signaturen in Großbuchstaben sind eher Zeichnungen denn Schrift: Johann Hauser (geboren 1926 als uneheliches Kind in Bratislava, das 1943 mit der Mutter und zwei Schwestern nach Niederösterreich zwangsumgesiedelt wurde) war Analphabet. Seine intellektuelle Minderbegabung sowie bipolare Schübe waren Gründe dafür, dass seine Mutter ihn 1949 in die psychiatrische Anstalt in Gugging brachte – und nur noch ein paar Mal besuchte.

foto: martin vukovits
Johann Hauser im Haus der Künstler.

Deren damaliger Gugginger Anstaltsleiter Leo Navratil ließ in den 1950er-Jahren seine Patienten zunächst zu reinen Forschungs- und Diagnosezwecken zeichnen. Um alsbald den ganz besonderen Zauber, die kraftvolle Qualität der Blätter festzustellen. Er richtete für seine "Künstler-Patienten" das (klinisch orientierte) "Zentrum für Kunst und Psychotherapie" ein und bezeichnete ihre Kunst als "zustandsgebunden".

Erst sein Nachfolger, der Psychiater und Bildhauer Johann Feilacher, entkoppelte 1986 die Begriffe Kunst und Krankheit. Er nannte den bunt bemalten, ehemaligen Psychiatriepavillon in "Haus der Künstler" um und schuf im Laufe der Zeit ein von der Klinik völlig abgekoppeltes Art Brut Center mit Museum, Atelierhaus und einer Galerie, die gänzlich im Besitz der besachwalteten Künstler ist.

"Kunst heilt nicht", sagt Feilacher, "sondern die Tatsache, dass meine Kollegen von der Gesellschaft Anerkennung bekommen und Geld verdienen, um ihr Leben möglichst frei gestalten können. In der Kunst zählt Qualität, nicht der psychische Zustand. Die Psychose bestimmt vielleicht was, aber nicht, wie die Herren malen."

Am Sonntag jedenfalls werden sie feiern und tanzen. Und die Schauspieler Markus Hering und Karl Markovics werden Texte von Gugginger Künstlern lesen. (Andrea Schurian, 3.6.2016)

Hinweis

Sonntag, 5. Juni ab 11.00 Uhr: Art Party im Art Brut Center in Gugging

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foto: privatstiftung – künstler aus gugging

Prägnante Striche, Haargebirge: Johann Hausers "Frau" (1982).

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