"Foxing": Leonardo Da Vincis Selbstporträt von "Masern" befallen

2. Juni 2016, 13:17
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Wiener Forscher konnten klären, warum das mutmaßliche Selbstporträt des Universalgenies mit roten Flecken überzogen ist

Wien – Leonardo Da Vinci leidet an Masern: Sein berühmtes – wenn auch ungesichertes – Selbstbildnis ist von rötlichen Flecken überzogen, die größer werden und sich vermehren. Was es damit auf sich hat, konnten nun Wiener Wissenschafter klären: Die Forscher haben eine Pilzinfektion als Verursacher der Entstellung identifiziert. Das Phänomen war bereits von alten Büchern und Mumien bekannt. Die Stoffwechselprodukte dieses Schimmelbefalls führen zu Vermehrung der Flecken, selbst wenn die Pilze schon längst tot sind, berichten die Forscher im Fachmagazin "Environmental Microbiology Reports".

Es ist zwar weder sicher, dass das Bild wirklich von Leonardo geschaffen wurde, noch ist klar, dass es ihn tatsächlich darstellt. Dennoch ist das mit Rötel auf Karton um 1512 gezeichnete Bild des alten Mannes mit Bart, der gedankenvoll unter seinen langen Augenbrauen am Betrachter vorbei sieht, eines der wertvollsten der Welt. 2012 wurde es von der Biblioteca Reale aus Turin in einem Konvoi von Panzerwagen schwer bewacht zur Untersuchung nach Rom gebracht. Mittlerweile steht die Diagnose fest – und sie ist laut Kunstexperten alles andere als erfreulich.

"Foxing" verschandelt die Bilder

Sie nennen die Krankheit "Foxing". Ihre Ursachen waren bisher kaum verstanden. Vor allem war es unklar, ob es sich dabei um ein chemisches oder biologisches Phänomen handelt, erklärte Guadalupe Pinar vom Institut für Biotechnologie der Universität für Bodenkultur Wien. Zwar zerstört "Foxing" nicht das Papier oder die Kreidestriche, doch die altersbedingten Flecken verschandeln das Bild und könnten Leonardos Bildnis in Zukunft sogar unkenntlich machen.

"Es war von mikroskopischen Untersuchungen klar, dass Pilze in den 'Foxing'-Flecken sind, aber man konnte sie nicht kultivieren", sagte Pinar. So wurde beschlossen, die Pilze molekularbiologisch zu untersuchen und ihre DNA zu analysieren, wie es etwa in der Forensik geschieht. Dazu wurden unterschiedliche, kleine Membranen vorsichtig auf das Porträt gelegt, mit Wattetupfern festgedrückt, damit Partikel der "Foxing"-Flecken daran haften bleiben, und mit einer Pinzette wieder abgenommen.

Durch diese DNA-Tests, Elektronenmikroskopie und chemische Analysen fanden die Wiener Forscher heraus, dass auf Leonardos Bildnis altbekannte Pilze sind (etwa Eurotium halophilicum oder Phialosimplex), die auch schon in antiken Bibliotheken, auf Mumien in den Katakomben Palermos und einer vor einigen Jahren im Hallstätter Salzbergwerk gefundenen, 3.350 Jahre alten Holztreppe wachsen und Zellulose abbauen. Sie kommen mit sehr wenig Wasser und Nährstoffen aus und überleben daher lange in einer kargen Umwelt. Außerdem wachsen sie sehr langsam, überdauern aber lange Zeiträume.

Pilze sind selbst nach ihrem Tod schädlich

"Damit sie einen Schaden anrichten, müssen die Pilze nicht einmal mehr leben", erklärte Pinar. Zu ihren Lebzeiten produzieren sie organische Säuren, die etwa die Bildung von Oxalat-Kristallen fördern und damit jene hässlichen Flecken verursachen. Diese Säuren sind so stabil, dass sie das Bildnis noch lange nach dem Tod der Pilze bedrohen.

Wahrscheinlich gibt es auch eine zusätzliche, rein chemische Ursache für das "Foxing". "Bei der Manufaktur des Papiers entstanden wohl auch Eisen- und Kupfereinschlüsse, die durch Oxidation ebenfalls solche Flecken verursachen können", so die Forscherin. An solchen Stellen ist wahrscheinlich das Papier ein wenig geschädigt und die Pilze können sich dort leichter festsetzen und weitere Schäden anrichten.

"Therapieplan" für Leonardos Bildnis: Abwarten

Neben solchen Untersuchungen wurden am Istituto centrale per il restauro e la conservazione del patrimonio archivistico e librario (ICRCPAL) in Rom auch physikalische und chemische Analysen durchgeführt, und alle beteiligten Wissenschafter trafen sich, um einen "Therapieplan" für Leonardos Bildnis zu erstellen. "Am Ende beschlossen die Restauratoren aber trotz des enormen wissenschaftlichen Aufwands und der Expertise der Experten, es wieder nach Turin mitzunehmen und bloß bei geringer Luftfeuchtigkeit und moderater Temperatur aufzubewahren" berichtet Pinar. Der Patient bleibt aber weiter in Beobachtung: Sollte sich die Situation ernsthaft verschlechtern, könnte eine wissenschaftlich fundierte Behandlung des wertvollen Konterfeis erfolgen. (APA, red, 2.6.2016)

  • Die roten Flecken werden mehr und größer. Offenbar ist ein Pilz für die Entstellung verantwortlich.
    foto: ap /italian ministry of cultural heritage and activities; biblioteca reale

    Die roten Flecken werden mehr und größer. Offenbar ist ein Pilz für die Entstellung verantwortlich.

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