Supertest: Die heilige Bergwertung zur eiligen Erkenntnis

5. Juni 2016, 12:00
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Es wurden hinlänglich Linien skizziert, Kurven diskutiert und dem Klang der Motoren nachgelauscht. Es wurden Cabrios geschlichtet, der Lack poliert und die Wand erklommen: der alljährliche Ausflug der Automobil-Redaktion in die Hügel des Collio

Collio – Es waren rührende Szenen, die sich vor der Trattoria da Mario in Prepotto abspielten. Marco, der Wirt (sein Vater Mario gründete das gleichnamige Wirtshaus), hüpfte aufgeregt von Auto zu Auto. Es fehlten ihm die Worte. Und das lag nicht nur an den Sprachschwierigkeiten. Wir hatten diesmal wirklich etwas zu bieten: sechs Cabrios, den Bentley Continental GTC, die Mercedes S-Klasse, den Ford Mustang, den 911 Porsche Carrera, den Mazda MX-5 und das Mini Cabrio in der John-Cooper-Works-Ausführung. Marco ließ es sich nicht nehmen, in jedem Wagen Platz zu nehmen, ein wenig am Lenkrad zu drehen, sich ins Leder zu schmiegen und Ahs und Ohs auszustoßen. Bis ihn schließlich seine Frau Goia an den Ohren aus dem Bentley zog und zurück ins vollbesetzte Wirtshaus dirigierte, wo die Gäste schon auf das Essen warteten.

foto: guido gluschitsch

Im vergangenen Jahr waren wir Marco bei unserem alljährlichen Ausflug ins Collio untreu geworden und hatten einem anderen Wirtshaus den Vorrang beim Boxenstopp gegeben. Und das war gut so. Bei unserem diesjährigen Comeback in der Trattoria da Mario war das Essen besser denn je, der Wein hervorragend, und Marco herzte uns einzeln und inniger denn je. So schafft die kurz gewonnene Distanz manchmal auch eine umso emotionalere Annäherung.

foto: guido gluschitsch

Das Wetter: kein Verlass. Diesmal nämlich herrlich. Blauer Himmel, angenehme Temperaturen, kein Wölkchen. In den vergangenen zehn Jahren hatten wir gelernt, die hartnäckige, dunkle Wolke, die uns samt promptem Niederschlag verfolgte, sobald das erste Verdeck geöffnet und der Fotograf in Stellung gegangen war, mit Langmut hinzunehmen und die Regenspuren immer neu vom Lack zu polieren.

foto: guido gluschitsch

Mit dem Fortschreiten der Jahre lernt man die Routine zu schätzen und ergibt sich gerne den immer gleichen Ritualen, die einem Halt in der Bewältigung der anstehenden Herausforderungen geben. Eines dieser Rituale ist die gemeinsame Begrüßungsjause beim Eintreffen und Sammeln auf dem Hügelchen von Ruttars, die vom frühen Nachmittag bis spät in die Nacht hineinreicht, dazu wird auch gerne ein Glas vom Friulano, vom Ribolla Gialla oder vom Sauvignon gereicht. Ein anderes Ritual führt uns am nächsten Tag zu Marco, das wichtigste aber hin auf zur Wand. Diese erhebt sich in Castelmonte gegenüber der Wallfahrtskirche, ein paar Kilometer östlich von Cividale im Friaul, und bedingt eine überaus andächtige Anfahrt über die kurvenreich gewundene Straße, das ist die heilige Bergwertung.

foto: guido gluschitsch
Sechs stilvolle Boliden in stiller Andacht vor der Wallfahrtskirche Castelmonte: ein wiederkehrendes Ritual, das Sicherheit gibt in einer Welt voll unheimlicher Fährnisse.

An der Wand polieren wir noch einmal den Lack, schlichten die Automobile eines neben das andere oder formen einen Halbkreis, um den werten Leserinnen und Lesern ein prächtiges Bild der Karossen zu bieten und sie an der Erhabenheit unserer Ausfahrt teilhaben zu lassen. Währendessen bekreuzigen sich die Pilger, winken die Mönche fröhlich vom Kloster, und wenn Guido die Wand erklimmt, um die Szenerie in einer zusammenfassenden Übersicht ins Visier der Kamera zu rücken, läuten die Glocken.

foto: guido gluschitsch

Am Abend schließlich besprechen wir bei Marco den Verlauf der Kurven, den Schwung der Linien und den Sound der Motoren. Dieses Jahr wieder ein Glücksfall, den wir der sorgsamen Regie des Kollegen Stockinger verdanken: sechs wunderbare Cabrios für alle Fälle, von leistbar bis illusorisch.

foto: guido gluschitsch

Und für jedes dieser Fahrzeuge gab es zumindest einen Kollegen, der davon begeistert schwärmte und detailreich die Vorzüge lobte: der Mini, ein spritziges Cabrio, agil und wendig mit angemessener Schickheit, ohne ins Geschmäcklerische abzugleiten; der Mazda, ein reinrassiger Roadster, ehrlich und direkt, und dabei ausgesprochen günstig; der Porsche, ein immergrüner Sportwagen, unglaublich präzise und dennoch leidenschaftlich; der Ford Mustang, ein wiederbelebter Klassiker in Bestform mit dicker Lippe und fettem Achtzylinder-Sound; die S-Klasse, ein ausgesprochen elegantes, komfortables und zugleich sehr sportliches Cabrio; und schließlich der Bentley, der einen mit seiner Wucht, dem puren Luxus und seinem sportlichen Antreten beeindruckt – oder ratlos hinterlässt. Der Preis des Wagens – so, wie er dasteht, 340.000 Euro – hat die Diskussion über Sinn und Unsinn des Geldausgebens, wenn man denn eines hätte, befeuert, und schließlich setzte sich Marco dazu und einen Grappa drauf, und bald waren wir uns einig darüber, dass wir im nächsten Leben alle Bentley fahren würden. Als Zweitwagen natürlich. (Michael Völker, 5.6.2016)

Die detaillierten Testberichte zu den einzelnen Fahrzeugen gehen in den nächsten Tagen, nach und nach, auf derStandard.at/AutoMobil online.

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