Philippe Martinez: Mit Schnurrbart auf den Barrikaden

Kopf des Tages1. Juni 2016, 18:26
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Der 55-jährige Gewerkschafter führt die Streikfront gegen die geplante Arbeitsmarktreform in Frankreich an

Eigentlich hätte die französische Regierung wissen müssen: An Philippe Martinez kommt sie nicht so schnell vorbei. Als der ehemalige Renault-Arbeiter 2015 Generalsekretär der wichtigsten französischen Gewerkschaft CGT wurde, hatte er seine Weltanschauung offen dargelegt: All das, was heute die Wirtschaftsabläufe präge, Globalisierung und Freihandel, Liberalismus und Austerität, Börsenprofite für die Reichen und Jobunsicherheit für die Arbeiter – "das wollen wir ganz einfach nicht", hatte Martinez gesagt. "Das ist nicht unsere Welt. Wir wollen eine andere."

Jetzt, gut ein Jahr später, lässt der Sohn spanischer Flüchtlinge den Worten Taten folgen. Seine unzimperliche Conféfération Générale du Travail (CGT) blockiert Benzinlager, sperrt Häfen, bestreikt – wie am Mittwoch geschehen – Bahnlinien. All das ist das Werk von Philippe Martinez. Der 55-jährige Sohn spanischer Republikaner, die schon vor seiner Geburt vor dem Franco-Regime nach Paris geflüchtet waren, führt die seit Wochen dauernden und unüblich harten Proteste gegen die Arbeitsrechtsreform der Regierung an.

Stur wie Valls

Hinter seinem dicken Schnurrbart argumentiert Martinez wortreich, konsequent und in der Sache ebenso stur wie sein Gegenüber, der sozialistische Premierminister Manuel Valls, der ebenfalls einen spanischen Vater hat und ein Anhänger des FC Barcelona ist. Beide rücken keinen Millimeter von ihrer Position ab. Martinez erklärt in aller Ruhe, er vertrete nun einmal die Interessen der Arbeitnehmer, und die Aufweichung der 35-Stunden-Woche und des Kündigungsschutzes gehöre nun bestimmt nicht dazu.

Der Unternehmerverband Medef sieht das anders, bezeichnete doch sein Vorsteher Pierre Gattaz die CGT-Streikposten als "Minderheiten, die sich ein wenig wie Gauner, wie Terroristen benehmen". Martinez, der 1987 in die französische KP eingetreten war, kündigte eine Klage gegen Gattaz an, hält sich aber verbal zurück.

Lider Maximo

Er weiß, dass ihn Pariser Medien als "Líder Maximo" betiteln. Das vor allem, seit er vor einer Woche von den Tageszeitungen im Land den Abdruck eines CGT-Kommuniqués verlangte. Nur die "Humanité" als einstiges KP-Blatt machte mit. Alle anderen Zeitungen hinderte Martinez für einen Tag am Erscheinen. "Le Monde" nannte ihn gar einen "Stalinisten".

Laut einer Umfrage haben 67 Prozent der Franzosen eine "schlechte Meinung" von dem CGT-Sekretär. Das ist noch lange kein Grund für ihn, die Blockaden abzubrechen. Martinez weiß, dass die Franzosen mehrheitlich gegen die Arbeitsreform sind und vor allem den schwachen Präsidenten François Hollande für den wirtschaftlichen Schlamassel verantwortlich machen. So lässt es sich der CGT-Boss nicht nehmen, selbst einen brennenden Autoreifen auf eine Straßensperre zu werfen.

Schwache Position

Sturheit ist aber selten Stärke. So wild entschlossen Martinez zur Sache geht, so schwach ist eigentlich seine Position. Persönlich wie politisch. Seinen Posten an der Spitze der CGT verdankt er nur einem Skandal um Luxusausgaben seines Vorgängers. Die Wahl im Februar 2012 gelang ihm dank seiner Lebensgefährtin, die den einflussreichen Pharmasektor der CGT leitet; indem sie in der internen Abstimmung für Martinez votierte, setzte sie sich über die anderslautende Vorgabe ihrer Abteilung hinweg.

Vor allem aber steht die CGT selbst mit dem Rücken zur Wand. Bei den nächsten Betriebswahlen droht sie ihre Stellung als stärkste Landesgewerkschaft an die reformwillige, den Sozialisten nahestehende CFDT zu verlieren. Die bei den Massendemos aus den Lautsprecherboxen dröhnenden CGT-Parolen täuschen nicht darüber hinweg, dass die französischen Gewerkschaften insgesamt nur noch acht Prozent der Erwerbstätigen vertreten – dreimal weniger als im EU-Schnitt. Die CGT als älteste und größte Gewerkschaft vertritt nur noch 2,6 Prozent der französischen Arbeiter und Angestellten. Gerade deshalb geben sich viele "Cégétistes" um Martinez so radikal: Sie kämpfen gegen den eigenen Niedergang.

Harter Kern

Dieser harte CGT-Kern stößt aber auch intern auf Kritik: Hinter vorgehaltener Hand meinen viele Reformer, die sozialromantische Verweigerungshaltung bringe so wenig wie die marxistisch verbrämte Zurückweisung des globalen Kapitalismus; bei fünf Millionen Arbeitslosen müssten die Blockaden der französischen Wirtschaft auch auf unorthodoxe Weise gesprengt werden.

Die gemäßigteren Cégétistes haben noch ein weiteres Argument: Wie auch Martinez einräumen muss, sind heute ein Viertel der CGT-Sympathisanten Anhänger des rechtsextremen Front National. Die gehen auch auf die Barrikaden, aber nicht für eine rote, sondern für eine braune Revolution. Viele alte CGT-Kämpen, die bei den Streikposten noch mit gereckter Faust die "Internationale" anstimmen, wenn sie den Wasserwerfern der Polizei widerstehen, verschließen davor schlicht die Augen: Hauptsache, die Gewerkschaft sagt "non". (Stefan Brändle, 1.6.2016)

  • Philippe Martinez leistet vehement Widerstand gegen die Arbeitsmarktreform der Regierung.
    foto: apa/afp/damien meyer

    Philippe Martinez leistet vehement Widerstand gegen die Arbeitsmarktreform der Regierung.

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