"Holz Erde Fleisch": Die Früchte erntet erst der Nächste

2. Juni 2016, 09:52
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Der Dokumentarfilm ist ein bemerkenswertes Porträt bäuerlicher Tradition

Wien – Eine Bergkette, hinter der ein neuer Tag anbricht. Ein Wald, aus dem der Nebel aufsteigt. Ein Feld, über dem sich die Sonne durch die dichten Wolken kämpft. Drei Orte, drei Schauplätze, drei Geschichten. Und jene, von der die Stimme des Filmemachers gleich zu Beginn berichtet: "Ich habe meinen Vater nur einmal im Leben weinen gesehen." Es sei jener Augenblick gewesen, als der Bauer um seinen Besitz fürchtete, der seit über dreihundert Jahren von einer Generation zur nächsten vererbt worden war. Holz Erde Fleisch ist ein Film über drei Bauern an drei Höfen in Österreich – und über den unsichtbaren Vater von Sigmund Steiner.

foto: stadtkino filmverleih
Den Boden um die Wurzeln muss man gut festtreten, damit die Bäume wachsen können. Das lernen schon manche kleine Kinder.

Er habe lange gebraucht, um seine Arbeit als solche anzusehen, so Steiner, doch vielleicht gäbe es gar keinen großen Unterschied zwischen der Arbeit an einem Film und jener als Forstwirt: "Man muss rausschneiden, damit anderes Platz zum Wachsen hat." In diesem Vergleich lässt sich schön erkennen, was diesen Debütfilm zu seinen drei Protagonisten ins Waldviertel, ins Weinviertel und in die Südsteiermark geführt hat:

So unterschiedlich der Alltag von Forstwirt, Gemüsebauer und Schafzüchter auch sein mag, so ähnlich sind doch die Fragen, die ihre Arbeit für den jeweiligen Familienbetrieb aufwirft. Soll man sich Gedanken darüber machen, ob der Sohn die Wirtschaft übernehmen wird, wenn er im "schwierigen" Alter zwar die Maschinen, nicht aber "den Boden im Griff" hat? Und was bedeutet es unter ökonomischem Gesichtspunkt, Feld und Forst nur als eine Leihgabe zu betrachten, die man nur so lange verwaltet, bis der Nächste das Erbe übernimmt?

Die Schauplätze, ausschließlich in Außenaufnahmen festgehalten, die die Bauern bei der Arbeit zeigen, bilden dabei langsam eine Art von übergreifendem Denkraum, in dem die Überlegungen, Sorgen und Alltagsweisheiten der Protagonisten zueinanderfinden. Dabei nützt und hilft Steiner die klare Struktur seines Films: In ruhigen, meist statischen Einstellungen beobachtet die Kamera die drei Männer, räumt der bedächtige Rhythmus ihren Erzählungen ausreichend Platz ein. So treffen verstörende Kindheitserinnerungen und tiefsitzende Wunden auf sanfte Hoffnung und zarten Optimismus.

stadtkino filmverleih

Gerade weil sich Holz Erde Fleisch nicht wie so viele andere Dokumentationen über das Thema Landwirtschaft für Regelungen oder EU-Vorschriften interessiert, erhält die Ökonomie hier eine andere, persönliche Bedeutung: Wenn der Forstwirt seine Bäume als Brennstäbe bezeichnet, mag das als fehlender Respekt vor der Natur missverstanden werden. Es ist jedoch ein notwendiger Blick auf die Lebensgrundlage, die das Fundament der nächsten Generation bildet. Manche Kreisläufe müssen durchbrochen werden, damit sich etwas ändert. Manche dauern an, damit es weitergeht und Neues wachsen kann. Und wenn es nur Fichten sind, die man mit seiner kleinen Tochter auf einer Lichtung pflanzt. (Michael Pekler, 2.6.2016)

Ab 3.6. im Kino

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