Digitalisierung und noch einmal Digitalisierung

Kommentar der anderen1. Juni 2016, 17:10
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Wenn sich die Regierung für ihren Neustart etwas vornimmt, dann sollte die Digitalisierung aller Lebensbereiche ganz oben auf der politischen Agenda stehen. Denn nichts wird unsere Zukunft so bestimmen wie diese

Wenn SPÖ und ÖVP nach einer tragfähigen politisch-pragmatischen Basis für den Neustart ihrer Regierung und das Kabinett Kern/Mitterlehner I suchen, lohnt sich ein Blick zum deutschen Nachbarn. Dort hat sich zu Beginn vergangener Woche das gesamte Regierungsteam auf Schloss Meseberg zur Kabinettsklausur versammelt. Erstes Thema: Umsetzung der Digitalen Agenda. Erstes Ziel: digitales Wachstumsland Nummer eins in Europa zu sein.

Zumindest drei entscheidende Gründe sprechen dafür, auch in Österreich Digitalisierung ins Zentrum der Regierungsagenda zu stellen: Sie ist eine grundsätzlichere Herausforderung als die Flüchtlingswelle, sie ist eine größere Problemquelle als die FPÖ, sie ist eine zukunftsentscheidendere Chance als die Globalisierung.

Die Flüchtlingswelle ist nicht allein Folge der Kriege im Nahen Osten, in den Grenzländern des Mittelmeeres und den Sahara-nahen Ländern Afrikas, sondern auch der Smartphones. Über sie sind die Bilder des stabilen, sicheren, bombenfreien, anschlagslosen, waffenarmen Europa in die Hand der Bedrängten und Bedrohten, der von Regierungstruppen und Milizen Angeschossenen und Gedemütigten, der Nahrungslosen und Vertriebenen gelangt.

Die Digitalisierung durchdringt gerade auch in den Fluchtländern mit der Einfachheit der Nutzung alle Lebensbereiche. Billiger, ja kostenfreier Internetzugang, Gratis-Social-Media-Plattformen und instantaner Nachrichtenaustausch verursachen politische, soziale und kulturelle Erdbeben, die dann den Tsunami der Flüchtlinge in Europa auslösen. Erschreckend naiv ist jene Innenministerin, die in Österreich Plakate drucken ließ, um sie in der Türkei aufstellen zu lassen. Eine solche Aktion verkennt die Kommunikationsrealität der digitalisierten Welt. Die neue Regierung braucht ein digitales Re-Engineering aller ihrer Anstrengungen – auch derer im Umgang mit Flucht, Integration und Immigration. Es wäre effizienter und effektiver.

Pulverisierte Arbeiterschaft

Digitalisierung hat auch einen FPÖ-Effekt, der über den momentanen Erfolg dieser Partei wesentlich hinausgeht, denn sie pulverisiert die Arbeiterschaft als gesellschaftliche Realität wie auch als brauchbare soziologische oder politische Begrifflichkeit.

Wer am elektronischen Steuerungsstand von Produktionsmaschinen arbeitet, hat mit einem Fabrikarbeiter des 19. oder 20. Jahrhunderts nichts mehr gemein. Und das bringt nicht nur Aufklärung. Donald Trump erzählt Unsinn, predigt Unfug und verspricht Unrealistisches; und doch spricht er Millionen von US-Amerikanern an. Unter ihnen ist eine enorme Zahl jener Blue-Collar-Worker, also Industriearbeitern, die am Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre nicht teilgehabt haben und die genau fühlen, dass sie in der Zukunft noch mehr verlieren. Sie verlieren durch die Digitalisierung ihre schweißtreibende Arbeit. Sie sind auch die Arbeiter, die der SPÖ flöten gegangen sind und der FPÖ-Demagogie auf den Leim der simplen, emotionalisierenden Schlagwortlösungen gehen. Sie erleben sich schon als Verlierer der Digitalisierung; ihre Jobs werden nicht nur weniger, sondern die kommende Robotik und die neuen Produktionsabläufe der Industrie 4.0 wird sie in naher Zukunft weitgehend vernichten. Diese Menschen spüren im Bauch, dass ihre Welt verschwindet.

Wenn Christian Kern bei seiner Antrittsrede als Bundeskanzler im Parlament jenes von dem Zulieferkonzern Foxconn in China produzierte Smartphone als Beispiel der Veränderung anspricht, dann trifft er den Nerv der Digitalisierung in all ihrer Widersprüchlichkeit. Christian Kern meint, den Österreichern ein Beispiel für geniales Design und vorbildhafte Produktionsorganisation zu bringen. Den heimischen Arbeitern zeigt er jedoch, dass ihre Jobs abwandern werden. Dies stärkt das Unwohlsein bis zum wahnwitzigen Rundumschlag und einer Stimmabgabe für die FPÖ, in den USA für Donald Trump.

Die Populisten können die digitalen Widersprüchlichkeiten schon gar nicht auflösen. Sie surfen jedoch in deren Fahrwasser zu Wahlerfolgen. Denn in der Propagandawelt der sozialen Heimatpartei gibt es die Realität der digitalen Widersprüchlichkeit nicht: Hier werden Schutz und Sicherheit durch ehrliche Ignoranz und aggressive Realitätsverweigerung geboten. Trump-like.

Digitalisierung ist jedoch die Schlüsselchance. Die neuen Möglichkeiten von multimedialer Verschmelzung von allen Formen der Kommunikation von den Zeit und Raum auflösenden Eigenschaften des Internets bis hin zu den Smart-Living-Anwendungen von Assistenzsystemen für ältere Menschen oder autonome Fahrzeuge sind kein Betrug, sondern wünschenswerter und gewollter Fortschritt. Das muss eine Regierung aktiv kommunizieren.

Überwundene Probleme

Hier werden Problemlagen, die seit Menschengedenken einem würdigen und gestaltbaren, sicheren und erfreulichen Leben Grenzen gesetzt haben, überwunden. Daran gilt es zu arbeiten.

Globalisierung ist nur eine Wirkung, die Digitalisierung ist die Ursache. Sie hat die technisch-ökonomische Grundlage des industriellen Zeitalters vernichtet. Die im 18-Monats-Zyklus erreichte Leistungsverdopplung von Computerchips bei gleichzeitiger Halbierung ihrer Herstellungskosten hebelt alte wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten aus. Dieses Entwicklungsgesetz wirkt auch in vielen anderen Teilen der digitalen Innovation wie der Speicherung oder der Übertragung von Daten und geht mit einer Miniaturisierung der Komponenten einher.

Daraus entwickeln sich gänzlich neue Möglichkeiten: Ressourcen in allen Sphären werden nicht mehr verschleudert, sondern sparsamster Einsatz wird möglich: von Energie für Haushalt und Fabrik bis hin zur Düngung auf dem Felde und zum Kühltransport der Lebensmittel. Ökologisch und sozial.

Digitalisierung drängt sich als zentrales Thema für den Neustart der Bundesregierung auf. Beide Parteien können damit gewinnen, Österreich zum digitalen Wachstumsland zu transformieren. Angela Merkel macht es Christian Kern vor. Die Gestaltung der optimalen Rahmenbedingungen für die Digitalisierung ist ein notwendiges Thema, sie ist aber auch ein offener Prozess, der fortwährender Anstrengungen bedarf – in allen Lebensbereichen und allen Ressorts. Eine Aufgabe also für die gesamte Bundesregierung neu. (Peter A. Bruck, 1.6.2016)

Peter A. Bruck ist wissenschaftlicher Gesamtleiter und Geschäftsführer der Research Studios Austria Forschungsgesellschaft, die IT-Innovationen von Universitäten in den Markt bringt (www.researchstudio.at). Im Rahmen des UN-Weltgipfels für die Info-Gesellschaft leitet er auch die österreichische Initiative der World Summit Awards (www.worldsummitawards.org).

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