Chinesische Missverständnisse: Wenn Archäologen reisen

Blog2. Juni 2016, 07:55
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Warum Erlebnisse in Straßenküchen zu intensiven Diskussionen über Mobilität und Kommunikation in prähistorischer Zeit führen. Und ein echter touristischer Geheimtipp

Wir melden uns noch einmal von der Seidenstraße, aus Xi’an, um genau zu sein. Hier, am östlichen Ausgangs- beziehungsweise Endpunkt der Seidenstraße, gibt es für Archäologen viel zu sehen und zu erleben. Michaela Binder hatte vergangene Woche bereits von unserer Exkursion zur Terrakottaarmee des Kaisers Qin Shi Huangdi berichtet. Das war ein großartiges Erlebnis für uns alle – doch bei weitem nicht der einzige starke Eindruck, den wir aus Xi’an mitnehmen.

Xi’an bietet uns eine große Vielfalt an Erlebnissen und Sinneseindrücken. Kaisergräber, Museen, eine nahezu intakte Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert, eine wunderschöne Moschee, Menschen, die sich am Abend in den Parks und auf den Boulevards der Stadt zum Tanzen treffen, dampfende und brutzelnde Straßenküchen.

foto: hans reschreiter
Straßenküche in Xi'an.

Kommunikation über Kulturgrenzen hinweg

Reisen kann den Horizont erweitern und den Blick auf die alltäglichsten Aspekte des Lebens wie Ernährungsgewohnheiten und Abendunterhaltung verändern. Kommunikation über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg kann selbst bei den einfachsten Dingen, wie zum Beispiel Zählen, zu zunächst unerklärlichen Missverständnissen führen. Bei uns führt das dazu, dass wir über mehrere Tage hinweg an verschiedenen Essständen acht statt zwei Fladen oder Teigtaschen serviert bekommen. Es ist uns wirklich unerklärlich, wir rätseln, wir halten zwei Finger hoch, und immer wieder bekommen wir acht (wohlschmeckende) Stücke. Was kann man denn bei zwei Fingern missverstehen? Zum Schluss hilft das Internet – es waren die falschen Finger! Daumen und Zeigefinger bedeuten hier nun einmal acht Stücke und nicht zwei Stück (in China werden die Zahlen von 1 bis 10 mit einer Hand gezeigt).

foto: hans reschreiter
Zahlzeichen für 8 auf Chinesisch.
foto: hans reschreiter
Zahlzeichen für 2 auf Chinesisch.

Mobilität und Kommunikation in prähistorischer Zeit?

Dieses Erlebnis führt zu intensiven Diskussionen über Mobilität und Kommunikation in prähistorischer Zeit. Wie verständigten sich Reisende – zum Beispiel Händler, Handwerker, Boten – mit ortsansässigen Gruppen und mit anderen Reisenden? Wie waren vor Jahrtausenden Durchgangsrechte, Wegerhaltung und so banale Dinge wie Unterkunft und Verpflegung organisiert? Dass das alles gemeistert werden konnte, sehen wir schon allein daran, dass die Seidenstraße über Jahrtausende Bestand hatte. Und sie ist bei weitem nicht der einzige Hinweis auf überregionale Mobilität in prähistorischer Zeit.

Die Urgeschichte ist voll von Belegen für weiträumige Kommunikation und Mobilität. Eines der bekanntesten Beispiele in Europa ist die Bernsteinstraße, die auch durch das heutige Österreich führte. Auch an unseren Forschungsschwerpunkten, Hallstatt und den oberösterreichischen Seeufersiedlungen, finden wir deutliche Hinweise auf Verbindungen über hunderte Kilometer. Die Beigaben in den Gräbern der Hallstätter Bergleute zeigen, dass diese sich in der älteren Eisenzeit mit Rohstoffen und Objekten (Bernstein, Elfenbein, Bronzegeschirr, skythische Beile) aus weit entfernten Regionen umgaben und entsprechend über weiträumige Handelsnetze verfügten. Auch das Fundmaterial aus den neolithischen Siedlungen an Attersee und Mondsee zeigt die Vernetzung bis in die Schweiz und nach Osteuropa.

Von alten Teeblättern und verkohltem Reis

Nach Fernkontakten und überregionalem Austausch richtet sich unser Interesse nun auf Ernährung. Das ist natürlich ein Muss bei jeder China-Reise. Wir verfolgen hier allerdings einen unserer Forschungsschwerpunkte – prähistorische Ernährung. Denn sowohl die Hallstätter Salzbergwerke als auch die Seeufersiedlungen bieten aufgrund der besonderen Erhaltungsbedingungen wesentliche Einblick in die Ernährungsgewohnheiten prähistorischer Menschen. So haben sich an diesen Fundstellen zahlreiche Speisereste wie Haselnussschalen und Kerngehäuse von Äpfeln erhalten. In Hallstatt ist es sogar möglich, auf Grundlage der im Bergwerk gefundenen Exkremente eine Speise zu rekonstruieren – das Ritschert, einen Eintopf aus Hirse, Gerste und Bohnen.

Wenn wir auf Reisen sind, gilt unser besonderes Augenmerk daher archäologischen Fundstücken, die Hinweise auf prähistorische Ernährung liefern. Bei einer unserer Exkursionen auf Kreta konnten wir im minoischen Palast von Kato Zakros die ältesten Oliven bewundern. China hat in dieser Hinsicht sehr viel zu bieten. Eine Stunde nördlich von Xi’an stoßen wir in der Grabanlage des Kaisers Jingdi (Han-Dynastie, 188–141 v. Chr.) auf einen der ältesten Funde von Teeblättern. Diese Grabanlage und das Hanyanling Museum sind im Übrigen ein echter Geheimtipp.

foto: hans reschreiter
Rampe in die Ausgrabung der Beigabengruben des Mausoleums von Kaiser Jingdi.
foto: kerstin kowarik
Übersicht über die freigelegten und zu besichtigenden Gruben mit Beigaben Kaisers Jingdi.
foto: hans reschreiter
foto: kerstin kowarik
Ein kleiner Ausschnitt der mehr als 50.000 freigelegten Tonfiguren aus Kaisers Jingdis Mausoleum.

Über eine Rampe gelangt man in die unterirdischen Ausstellungsräume, in denen die originale Ausgrabungssituation besichtigt werden kann. Zu sehen sind, wie bei der Terrakottaarmee, die Beigabengruben. In dieser Grabanlage wurden über 50.000 kleine Terrakottafigurinen von Menschen und Tieren entdeckt. Weiter auf unserer Suche nach prähistorischen Speiseresten stoßen wir im Nationalmuseum von Peking dann auf 7.000 Jahre alten verkohlten Reis und Hirse.

foto: hans reschreiter
Verkohlter Reis aus Hemudu, China, circa 5200 bis 4200 v. Chr.

Jetzt geht’s gleich weiter zum zweiten Besuch im Nationalmuseum – einem imposanten Bau direkt am Tian'an-Men-Platz.

foto: hans reschreiter
Das imposante Nationalmuseum von China vom Tian'an-Men-Platz aus gesehen.

Nach dem Museum stehen noch ein Besuch der Mauer auf dem Programm und natürlich ein Ausflug zu einer weiteren archäologischen Unesco-Weltkulturerbestätte in Zhoukoudian, dem Fundort des Pekingmenschen. Und dann neigt sich unser Besuch in China auch schon dem Ende zu, und wir fliegen entlang der Seidenstraße zurück nach Wien. Dort erwarten uns bereits die nächsten spannenden Projekte – etwa Bohrungen in den Sedimentschichten des Mondsees und des Hallstätter Sees. Doch darüber berichten wir beim nächsten Mal. (Kerstin Kowarik, Hans Reschreiter, 2.6.2016)

Kerstin Kowarik ist prähistorische Archäologin, arbeitet als Postdoc im Beyond-Lake-Villages-Projekt am Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie der Universität Wien und ist auf landschafts- und umweltarchäologische Fragestellungen spezialisiert.

Hans Reschreiter ist Archäologe und arbeitet in der Prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien. Er leitet die archäologischen Ausgrabungen im Salzbergwerk von Hallstatt. Seine Forschungsschwerpunkte sind prähistorische Salzproduktion, prähistorisches Handwerk, experimentelle Archäologie und Ethnoarchäologie.

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