Schweizerhaus älter als bisher bekannt

1. Juni 2016, 14:24
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Zum 250-jährigen Jubiläum des Praters ließ das Schweizerhaus seine Geschichte erforschen – es stieß auf Beethoven, Schnitzler und Bruckner. Und Pilsner Bier

Wien – Herbert Lackner, langjähriger Chefredakteur von "Arbeiter-Zeitung" und "Profil", braucht nicht viele Biere, um ins Schwärmen zu kommen. Er trinkt nicht viel. Aber wenn er im Schweizerhaus sitzt, dann schwärmt er: "Man muss sich das vorstellen: Man sitzt hier bei einem Bier, und da hinten, wo jetzt die Kinderrutsche steht, spielt im damaligen 'Ersten Kaffeehaus' der Beethoven das 'Erzherzog-Trio' auf seinem Klavier."

Keine biergeschwängerte Vision; sondern eine Episode aus der bewegten Vergangenheit des Schweizerhauses – die Lackner unter dem Titel "Die Geschichte einer Wiener Institution" im Eigenverlag ebendieser Wiener Institution als Buch dokumentiert hat.

Opernmelodien zum Bier

Die Musik hat es Lackner dabei besonders angetan: Er hat Belege dafür aufgetrieben, wie Bruckner hier auf ein Bier war. Er hat auch nachverfolgt, wie Arbeiter und Bürger an Sonntagen "im Sonntagsstaat, da hat jeder Herr eine Krawatte umgebunden und jede Dame einen Hut getragen, hergekommen sind, und die Kapelle hat Stücke von Ruggero Leoncavallo aus dem 'Bajazzo' gespielt".

Dazu wurde Bier ausgeschenkt. Und zwar Pilsner Bier. Nicht Budweiser? Nein, auch das ist eine Entdeckung, die das neue Buch zweifelsfrei belegt.

Vom Pilsner zum Budweiser

Das Schweizerhaus war über viele Jahrzehnte ein Ausschank von Pilsner Urquell. Erst in den 1920er-Jahren hat ein gewisser Karl Kolarik, Sohn eines Leopoldstädter Fleischhauers, im neu übernommenen Schweizerhaus die milder gehopften Biere aus Budweis auszuschenken begonnen. So entstand eine Wiener Bierlegende.

Das Buch räumt aber auch mit verbreiteten Wiener Bierlegenden auf, wie der Kabarettist Andreas Vitásek – Stammgast seit Kindesbeinen – bei der Buchpräsentation erläuterte.

Falsche Legenden zur Weltausstellung

Die Geschichte, dass das Schweizerhaus aus dem Schweizer Pavillon der Wiener Weltausstellung 1873 hervorgegangen sei, stimmt einfach nicht. Der älteste Beleg für eine "Schweizer Hütte" im Wiener Prater stammt aus dem Jahr 1716: Da hat die britische Reiseschriftstellerin Mary Wortley Montagu, in Begleitung ihres als Botschafter nach Istanbul reisenden Mannes, einen Besuch im Prater beschrieben, bei dem ihr in der Hütte der Schweizer Jagdtreiber "kleine Fische am Spieß und köstlicher Holundersaft" kredenzt wurden.

Nach der Öffnung der Praters durch Kaiser Josef II. wurde an der Stelle des Schweizerhauses ein Bierlokal "Zur Tabakspfeife" eröffnet, zu Ehren des russischen Zaren wurde es beim Wiener Kongress in "Zum russischen Kaiser" umbenannt – Lackner fragt, ob man heute ein Lokal in "Zur Merkel" oder "Zum Putin" umbenennen würde. Nicht das Schweizerhaus.

Opernarchitekt baute ein alpenländisches Lokal

Denn das bekam seinen Namen durch Eduard van der Nüll, der 1840 hier ein Haus im damals populären "Schweizer Stil" entwarf und errichtete. Später baute van der Nüll die Staatsoper – aber das ist eine andere Geschichte. Deren gibt es viele rund um das Schweizerhaus, sie handeln von Arthur Schnitzler und Anton Bruckner, von Helmut Qualtinger und Jaroslav Buben. Letzterer ist jener Mann, der lange im Firmenwortlaut "Kolarik und Buben" aufgeschienen ist. Kein Bub, sondern ein Kellermeister. (Conrad Seidl, 1. 6. 2016)

  • Lange ein Pilsner-Ausschank – bis Karl Kolarik entdeckte, dass im Prater das Budweiser besser ankommt: das Schweizerhaus, eine Wiener Institution.
    foto: apa/pfarrhofer

    Lange ein Pilsner-Ausschank – bis Karl Kolarik entdeckte, dass im Prater das Budweiser besser ankommt: das Schweizerhaus, eine Wiener Institution.

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