Benzema: "Ausbootung aus rassistischen Motiven"

1. Juni 2016, 11:41
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Nationaltrainer Didier Deschamps und Verbandschef hätten sich "dem "Druck des rassistischen Teils Frankreichs gebeugt"

Paris/Madrid – Der nicht für die Fußball-EM nominierte Karim Benzema hat schwere Geschütze gegen den französischen Nationalcoach Didier Deschamps aufgefahren. "Er hat dem Druck des rassistischen Teils von Frankreich nachgegeben", sagte der Stürmer von Real Madrid gegenüber der spanischen Sportzeitung "Marca" (Dienstag). Er fühle sich ungerecht behandelt, meinte Benzema.

Deschamps übermittelte am Dienstag seinen endgültigen EM-Kader an den Kontinentalverband UEFA. Dass Benzema wie erwartet nicht unter den 23 Akteuren war, war im Einvernehmen mit Verbandschef Noel Le Graet bereits vor Wochen beschlossen worden.

Vorbildwirkung und interne Harmonie

Hintergrund ist seine Verwicklung in die Erpressung von Nationalteam-Kollege Mathieu Valbuena. Dieser war im Juni mit der Veröffentlichung eines Sex-Videos bedroht worden, falls der Profi von Olympique Lyon nicht 150.000 Euro zahlt. Benzema wird der Komplizenschaft mit den Haupttätern beschuldigt.

Deschamps und Le Graet hatten Mitte April von einer möglichen Gefahr für die interne Harmonie und einer negativen Vorbildwirkung nach außen gesprochen, falls Benzema zum Team zurückgeholt werde. Im Interview mit der "Marca", das auszugsweise auf der Webseite der Zeitung veröffentlicht wurde, spielte der aktuell treffsicherste Stürmer der "Equipe Tricolore" (27 Tore in 81 Länderspielen) diese Argumente herunter.

Die allgemeine Stimmung im Land

"Ich weiß nicht, ob es die alleinige Entscheidung von Didier war, denn ich verstehe mich gut mit ihm, mit dem Präsidenten und mit allen", sagte der 28-Jährige. Er glaube nicht daran, dass die Entscheidungsträger plötzlich das Vertrauen in ihn verloren hätten. Vielmehr hätten sich diese einer allgemeinen Stimmung im Land gebeugt, die sich etwa in den jüngsten Wahlerfolgen der Front National zeige, die er für eine "extremistische Partei" hält.

"Auf sportlicher Ebene kann nicht verstehen warum. Und auf juristischer Ebene bin ich noch nicht verurteilt und es wird meine Unschuld angenommen", so Benzema, der weiterhin für die Nationalmannschaft spielen möchte. In der Erpressungs-Causa um Valbuena, der ebenfalls nicht im EM-Kader steht, äußerte sich Benzema kryptisch: "In dieser Geschichte ist die einzige Person, die die Wahrheit kennt, Valbuena. Er hat eine Rolle gespielt, er hat nicht die Wahrheit gesagt."

Le Graet wies Benzemas Vorwürfe zurück: Der Verband heiße jeden Spieler willkommen, unabhängig seiner Herkunft und seines Glaubens, sagte er im Trainingslager der Franzosen in Neustift im Stubaital.

Auch Ben Arfa nicht dabei

Der französische Sport-Staatssekretär Thierry Braillard bezeichnete die Aussagen in einer ersten Reaktion auf Twitter als "ungerechtfertigt und inakzeptabel". "Der Umstand, dass die Probleme des Landes permanent auf Fragen von Rasse, Religion, ethnische Gruppen und Gemeinden zurückgeführt werden, ist kein erfreulicher Zustand", sagte der frühere konservative Premierminister Francois Fillon in einem RTL-Interview.

Mit Hatem Ben Arfa wurde ein weiterer aussichtsreicher Kandidat für einen Stürmer-Posten im Kader von Deschamps nicht nominiert. Der frühere französische Nationalstürmer Eric Cantona hatte vor wenigen Tagen in einem Artikel des "Guardian" unterstellt, dass die Entscheidungen des Trainers mit der "nordafrikanischen Herkunft" von Ben Arfa und Benzema zu tun hätten. Le Graet bezeichnete die Vorwürfe als "dumm" und nannte sie "armselige Attacken". (APA, 1.6.2016)

Frankreichs 23-Mann-Kader:

  • Tor: Hugo Lloris (Tottenham Hotspur), Steve Mandanda (Olympique Marseille), Benoit Costil (Stade Rennes)
  • Abwehr: Laurent Koscielny (Arsenal), Eliaquim Mangala (Manchester City), Patrice Evra (Juventus Turin), Bacary Sagna (Manchester City), Lucas Digne (AS Roma), Christophe Jallet (Olympique Lyon), Samuel Umtiti (Olympique Lyon), Adil Rami (Sevilla)
  • Mittelfeld: Paul Pogba (Juventus Turin), Blaise Matuidi (Paris St. Germain), N'Golo Kante (Leicester City), Yohan Cabaye (Crystal Palace), Morgan Schneiderlin (Manchester United), Moussa Sissoko (Newcastle United)
  • Angriff: Antoine Griezmann (Atletico Madrid), Dimitri Payet (West Ham United), Anthony Martial (Manchester United), Kingsley Coman (Bayern München), Olivier Giroud (Arsenal), Andre-Pierre Gignac (Tigres de Monterrey/MEX)
  • Benzema versteht die Entscheidung von Teamchef Deschamps nicht.
    foto: apa/afp/franck fife

    Benzema versteht die Entscheidung von Teamchef Deschamps nicht.

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