Ohr-Tunnel

2. Juni 2016, 14:00
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Jugenderinnerung und Gesprächsstoff oder widerwärtiger Anblick

foto: reuters / thomas peter

Pro
von Oona Kroisleitner

So ein Tunnel ist etwas Praktisches. Er kürzt die Wege einfach ab. Die Strecke zur Familie ins Mürztal zum Beispiel. Bevor die Doppelröhre durch den Berg ging, dauerte es mindestens eine halbe Stunde länger, über den Pass.

Im Winter in einer Kolonne von Autos mit aufgeschnallten Skiträgern ging der Stau schließlich ins Unendliche. Für den Familienfrieden im Auto war das wenig hilfreich. Der Tunnel an sich ist also – von der Zeitersparnis und der Stimmung unterm Weihnachtsbaum – ganz praktisch.

Ob aber auch ein Tunnel im Ohr die Familie glücklicher macht? Wer weiß. Aber das weiß man bei Mode ja nie so genau. Gewöhnt hat man sich an fast alles – auch an ausgedehnte Ohrläppchen. Ob man nun ein Hipster ist, ein Punk war, oder weil man irgendwo gehört hat, dass Ötzi auch schon dicke Löcher in den Ohren hatte, ist egal. Ein Tunnel im Ohr ist wie das Peckerl, das an eine Zeit irgendwo zwischen Jungsein, -bleiben und Erwachsenwerden erinnert. Zudem ist es ein verlässlicher Gesprächsstoff – und hat damit auch etwas Praktisches.

Kontra
von Fabian Schmid

Nicht alles, was lange währt, wird endlich gut. Mag schon sein, dass das Tunnelpiercing bereits bei Pharao Tutanchamun und den nordischen Kelten in war. Dass fast alle Völker auf die Idee gekommen sind, sich Löcher in die Ohren zu stechen, sie zu dehnen und mit Schmuck zu versehen.

Für mich ist das ein nahezu widerwärtiger Anblick. Ich mag es nicht, durch Körperteile durchsehen zu müssen. Gut, ich kann auch weder Blut noch andere Körperflüssigkeiten sehen, ohne dass mir übel wird, das Tunnelpiercing läuft hier vielleicht in einer analogen biophobischen Gedankenlinie. Vielleicht sind Neurotiker ja natürliche Feinde der Körpermodifikation.

Wer seinen Tunnel loswerden will, kann ihn nicht einfach zuschütten. Vielmehr muss eine Operation das Ohrläppchen rekonstruieren. Mich beutelt also auch das Mitgefühl, wenn ich Tunnel sehe – und mir ausmale, wie die armen Träger dereinst Narben und OPs über sich ergehen lassen müssen. Denn dass sie ihres Tunnels irgendwann überdrüssig werden, daran besteht ja wohl kein Zweifel, oder? (RONDO, 3.6.2016)

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