Digitales Upgrade für die Demokratie

31. Mai 2016, 20:00
1 Posting

Experten fordern mehr Bürgerbeteiligung und ethische Werte in einer datengestützten Gesellschaft

Wien – Smart Home, Smartphone, Smart Clothes, Smart TV, Smart Drugs. Noch bevor als smart gepriesene Gegenstände wie Kühlschränke und Autos überhaupt in einem funktionsfähigen Stadium sind, ist der Begriff schon so inflationär, dass man kaum davon ausgehen kann, dass er jemals erfüllt, was er verspricht. Nämlich, dass alles, was durch Digitalisierung gepimpt wird, automatisch gesünder, umweltfreundlicher, effizienter und überhaupt besser wird.

"Es ist unsere Aufgabe, dem Hype nicht auf den Leim zu gehen", formulierte es Michael Nentwich, Direktor des Instituts für Technikfolgenabschätzung (ITA) der Akademie der Wissenschaften, bei der Jahrestagung des ITA, die sich am Montag dem Thema "Smart New World" widmete.

Das Vertrauen auf die Allheilsversprechungen von intelligenten Maschinen und Big Data – einem weiteren Schlagwort – berge die Gefahr, dass demokratische Werte, die über Jahrhunderte aufgebaut wurden, im virtuellen Strudel verloren gehen, warnte Dirk Helbing in seinem Eröffnungsvortrag. Der Physiker, Soziologe und Komplexitätsforscher von der ETH Zürich koordiniert die FutureICT-Initiative der EU, die globale Probleme wie Klimawandel, Ressourcenmangel und Finanzkrise mithilfe neuer Ansätze einer digitalen Gesellschaft lösen will.

"Die Gesellschaft kann nicht wie ein Fahrzeug gesteuert werden", sagte Helbing. Strategien, die das Sammeln möglichst vieler Daten (Big Data) mit dem "Anstupsen" von Verhaltensweisen (Nudging) verbinden (Big Nudging), hätten katastrophale Folgen. "Schon jetzt werden die persönlichen Daten, die von uns gesammelt werden, genutzt, um unser Verhalten und unsere Meinung zu beeinflussen", sagt Helbing. "In China hat die Regierung begonnen, das Verhalten der Bürger zu bewerten. Der Citizen Score entscheidet darüber, welchen Job oder Kredit jemand bekommt und wohin er reisen darf."

Um mit den künftigen Herausforderungen zurechtzukommen, brauche es eine pluralistische Gesellschaft, die selbst über ihre Daten verfügt und eine kollektive Intelligenz aufbaut. "Wir müssen die Demokratie digital upgraden", sagt Helbing. Je komplexer die vernetzte Welt wird, desto mehr Partizipation und verteilte Kontrolle ist nötig."

Digitales Nervensystem

Helbing arbeitet mit einem Forscherteam am Projekt "Nervousnet", in dem Bürger die Sensoren ihres Smartphones nutzen sollen, um ein globales Messsystem aufzubauen, in dem jeder entscheiden kann, welche Daten er sammelt, verwendet oder weitergibt. Ziel ist es, eine Alternative zu großen Datenkraken zu schaffen.

Sarah Spiekermann von der Wirtschaftsuniversität Wien, die die zweite Keynote hielt, plädierte für eine "Entmystifizierung des Digitalen". Die menschliche Komponente müsse weit mehr in die technologische Entwicklung einfließen. Deswegen sei es notwendig, ethische Werte von vornherein in die IT-Entwicklung zu implementieren. "Dazu brauchen wir Softwareingenieure, die die Langfristfolgen von Technologien berücksichtigen, aber auch Führungskräfte, die in der Lage sind, selbst entgegen von Trends Entscheidungen im Sinne des Gemeinwohls zu treffen", sagte Spiekermann.

Überzeugt werden müsse aber auch die Politik von einem sorgsamen Umgang mit neuen Technologien – was "manchmal ein hartes Brot" sei, wie Georg Brasseur, Präsident der mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse der ÖAW, einräumte. Immerhin: Derzeit würden konkrete Gespräche laufen, wie die Technikfolgenabschätzer der ITA in parlamentarische Prozesse miteinbezogen werden könnten – wohl eine ziemlich smarte Entscheidung. (Karin Krichmayr, 1.6.2016)

  • Durch die digitale Brille sieht so manches besser aus, als es ist. Experten warnen davor, dass Big Data demokratische und ethische Werte untergraben könnte.
    foto: apa/afp/justin tallis

    Durch die digitale Brille sieht so manches besser aus, als es ist. Experten warnen davor, dass Big Data demokratische und ethische Werte untergraben könnte.

Share if you care.