Milchverarbeiter: "Damit wären wir weg vom Fenster"

1. Juni 2016, 05:41
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Molkereien warnen vor einer Abschottung des Milchmarkts, statt Mengenbegrenzung brauche es höhere Qualität. Der Streit um Preise und Förderungen entzweit

Wien – Europa produziert zu viel Milch. Die Preise brachen ein, die Landwirte fürchten um ihre Existenz. Patentrezept für den Weg aus dem Dilemma gibt es keines. Der laute Ruf aus Teilen der österreichischen Bauernschaft nach drastischer Mengenreduktion und Abkehr von Exporten findet aber unter den Molkereien kein Gehör.

"Es gilt, kühlen Kopf zu bewahren, damit der Schaden nicht noch größer wird", sagt Josef Braunshofer, Chef der Berglandmilch, dem STANDARD. Die Molkerei reiht sich unter die umsatzstärksten Milchverarbeiter Mitteleuropas.

Braunshofer ist zuversichtlich, dass die Preise wieder steigen. Der aktuelle Ausschlag nach unten sei extrem, aber kein Trend von Dauer, glaubt er. Er wolle Probleme nicht kleinreden, aber Österreichs Milchbauern bekämen im Schnitt immer noch sechs, sieben Cent mehr für den Kilo als deutsche Betriebe. Im April betrug der Preis für konventionelle Milch 28 Cent,

Der Forderung der IG Milch, die 1600 Bauern vertritt, dass Molkereien um bis zu einem Fünftel weniger Milch annehmen sollen, kann er nichts abgewinnen. "Das ist ein Hüftschuss." Er werde am Modell der Berglandmilch festhalten, das für Lieferanten Basismengen vorsieht. Die Botschaft, dass es nicht länger erwünscht sei, unbegrenzt zu liefern, sei angekommen.

"Entweder Österreichs Bauern produzieren nur noch die Hälfte – oder die Hälfte der Betriebe sperrt zu. Sie werden beides nicht wollen", sagt Johann Költringer, Geschäftsführer der Vereinigung der Milchverarbeiter. Wie Braunshofer sieht auch er den größten Hebel für bessere Preise in höherer Qualität, konkret mehr Biomilch, mehr Spezialsorten, stärkerer Regionalität auch bei Futtermitteln.

Zu glauben, sich durch weniger Export von negativen internationalen Entwicklungen abschotten zu können, sei eine Illusion. "Damit wären wir weg vom Fenster."

Viel Export, viel Import

Österreich liefert die Hälfte seiner Milch ins Ausland, 40 Prozent der Wertschöpfung werden über der Grenze erzielt. Letztlich deckt das freilich nur zwei Prozent des Bedarfs in Europa, wo aktuell um sieben Prozent zu viel Milch auf dem Markt sind. Umgekehrt wird ein Drittel der Milchprodukte für Österreich importiert. Und daran werde sich sicher nichts ändern, wenn die Bauern hierzulande die Produktion drosseln, sagt Költringer. Eher steige dieser Anteil noch. Denn keiner könne dem Handel vorschreiben, wo er einkaufe.

Große Molkereien haben Angst durch Mengenreduktion, Marktanteile zu verlieren, resümiert der landwirtschaftliche Berater Alois Burgstaller. Er ist überzeugt, dass sich der Markt in Europa selbst regulieren wird: indem Preise vorerst weiter fallen und die Menge in der Folge sinkt.

Burgstaller hält neue Förderungen für kontraproduktiv. Auch die mindestens 100 Millionen Euro an Nothilfe, die Deutschland in die Betriebe pumpen will, sorgen aus seiner Sicht eher für eine Verlängerung des Leidens: Denn damit würden vor allem jene Höfe am Leben erhalten, die ohne Liquidität auf Kredit expandiert hätten.

In Österreich ist die Zahl der Milchbetriebe seit dem EU-Beitritt jährlich um drei bis vier Prozent gesunken – unabhängig von der jeweiligen Entwicklung des Milchpreises, betont der Experte. "Hier spielen viele andere Faktoren mit hinein." Ebenso wenig an die Preise gekoppelt sei der Milchkonsum der Österreicher: Auch wenn die Milch günstig zu haben sei, werde nicht mehr davon getrunken. "Sie hat ein Imageproblem in Europa." Burgstaller sieht in der Krise die Chance für längst notwendige Veränderungen der kapitalintensiven europäischen Milchwirtschaft. "Aber wer verlässt schon gern ein gemachtes Bett?"

80 Prozent der österreichischen Milch sind konventionell erzeugt, 20 Prozent Bio- oder Heumilch. Seit 1990 ist die Anzahl der Milchkühe laut AMA um vierzig Prozent gesunken – höhere Leistungen pro Kuh ließen die Milchmengen um mehr als 70 Prozent wachsen.

In Tirol wurde nun eine erste Maßnahme beschlossen: Der Landeskulturfonds und das Land Tirol übernehmen heuer die Zinsen für laufende Agrarinvestitionskredite. "Die Situation für die Milchbauern ist dramatisch", warnt Josef Geisler, VP-Bauernbundobmann. Er betont, dass in Tirol die Anzahl an Milchkühen gehalten werden müsse: "Wir sind ein Gebirgsland, wir brauchen die Tiere, um die Almen zu beweiden." (Verena Kainrath, Katharina Mittelstaedt, 1.6.2016)

  • Mit Kraftfutter zu mehr Milch: Seit 1990 ist die Zahl der Milchkühe in Österreich um 40 Prozent gesunken. Die höhere Leistung der verbliebenen ließ die Produktion um 70 Prozent anschwellen.
    foto: apa/dpa/oliver berg

    Mit Kraftfutter zu mehr Milch: Seit 1990 ist die Zahl der Milchkühe in Österreich um 40 Prozent gesunken. Die höhere Leistung der verbliebenen ließ die Produktion um 70 Prozent anschwellen.

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