Nicht alle Länder kennen tägliche Höchstarbeitszeit

1. Juni 2016, 07:00
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Die ÖVP macht Druck für eine Arbeitszeitflexibilisierung. Wie handhaben das andere Länder? Und wie steht es um die tatsächliche Arbeitszeit?

Wien – Die Wirtschaft wittert Morgenluft. Seit mit Christian Kern (SPÖ) ein früherer Manager die Regierungsspitze übernommen hat, wird wieder lautstark eine Arbeitszeitflexibilisierung gefordert. Beschlossen wurde vergangenen Herbst lediglich, dass die tägliche Arbeitszeit bei Dienstreisen mit dem Auto zwölf statt zehn Stunden betragen darf.

Ein zentraler Punkt des Regierungsprogramms ist aber noch offen: Demnach soll in allen Betrieben, die Gleitzeitmodelle haben, eine tägliche Höchstarbeitszeit von zwölf Stunden möglich sein. Pro Woche sollen aber weiterhin maximal 50 Stunden zulässig sein.

foto: imago
Vielleicht bald ein bisschen länger.

Streit um Urlaub

In der Vergangenheit konnte bei dieser Frage nie Konsens erreicht werden, weil die Gewerkschaft im Gegenzug einen erleichterten Zugang zur sechsten Urlaubswoche forderte (laut Gesetz steht diese nur bei 25 Jahren in einem Betrieb zu). Wirtschaftsminister und ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner bekräftigte am Dienstag, eine derartige Verknüpfung sei einfach nicht mehr "zeitgemäß".

Der STANDARD nimmt die Diskussion zum Anlass, um die Spielregeln auf dem heimischen Arbeitsmarkt mit anderen EU-Staaten zu vergleichen. Zunächst einmal: Den rechtlichen Rahmen steckt die EU-Arbeitszeitrichtlinie ab. Sie definiert aber keine tägliche Höchstarbeitszeit, sondern nur eine wöchentliche (im Viermonatsschnitt darf sie nicht über 48 Stunden liegen).

Ruhezeiten

Explizit vorgeschrieben sind in der Richtlinie aber Ruhezeiten von elf Stunden am Stück. Und darauf stellen auch einige EU-Länder wie Schweden, Tschechien, Großbritannien, Finnland oder die Niederlande ab, die gar keine gesetzliche tägliche Höchstarbeitszeit kennen.

38,8 Wochenstunden

Neben den gesetzlichen gibt es aber natürlich auch kollektivvertragliche Vorgaben. Eine Auswertung von Eurofound, einer Agentur der Europäischen Union, zeigt: Im Schnitt schreiben die Kollektivverträge in Österreich eine wöchentliche Arbeitszeit von 38,8 Stunden vor. Im EU-Vergleich liegt man damit im gehobenen Mittelfeld. Der Durchschnitt aller 28 EU-Staaten liegt bei 38,1 Stunden.

Neue EU-Mitglieder mit höheren Werten

Was auffällt: Bei jenen EU-Ländern, die in jüngerer Vergangenheit beigetreten sind, sehen die Kollektivverträge längere Arbeitszeiten vor (im Schnitt 39,7 Stunden).

Den mit Abstand niedrigsten Wert bei der kollektivvertraglichen Arbeitszeit verzeichnet Frankreich (35,6 Stunden), wo sich die Regierung gerade ein hartes Match mit der Gewerkschaft um die Lockerung von Arbeitsrechtsbestimmungen liefert.

Betrachtet man noch einzelne Sektoren, zeigt sich in Österreich ein interessantes Detail: Im absoluten Spitzenfeld liegen lediglich die öffentlich Bediensteten. Ihr Dienstrecht sieht 40 Stunden Arbeitszeit pro Woche vor – mehr gibt es in keinem anderen Land.

Fast alle über 40 Stunden

Gesetze und Kollektivverträge liefern aber nur einen Teil des Bildes. Die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden liegen zum Teil deutlich darüber. Wie eine Auswertung der EU-Statistikbehörde Eurostat zeigt, lag die durchschnittliche Wochenstundenzahl von Vollzeitbeschäftigten in Österreich im Vorjahr bei 42,9 Stunden. Einen höheren Wert verzeichnete nur Griechenland (44,5 Stunden), Großbritannien lag gleichauf mit Österreich auf Platz zwei, wie diese Grafik zeigt:

Inklusive Überstunden

In diese Berechnung wurden alle Arbeitsstunden, also inklusive bezahlter und unbezahlter Überstunden, eingerechnet. Nicht berücksichtigt sind lediglich Fahrtzeiten sowie Essenspausen.

Mit dem Vergleich der faktischen Arbeitszeiten relativieren sich auch die teilweise großen Unterschiede in den kollektivvertraglichen Regelungen. Auch die Franzosen arbeiteten im Vorjahr im Schnitt mehr als 40 Stunden. Lediglich in Dänemark (39,0) und Litauen (39,6) verbrachten Vollzeitbeschäftigte im Schnitt weniger als 40 Stunden in der Arbeit.

Freie Tage

Dafür kommen die Franzosen auf 41 freie Tage im Jahr (Urlaub und Feiertage) – der Spitzenwert im EU-Vergleich, den man sich aber mit Deutschland teilt. Die Österreicher sind auch in dieser Statistik ziemlich weit vorne dabei. 37 freie Tage (25 Urlaub, zwölf Feiertage) ergeben Platz fünf im EU-Vergleich. Am wenigsten Freizeit gönnen sich laut dieser Statistik die Belgier. Sie kommen auf nur 29 freie Tage.

(Günther Oswald, 1.6.2016)

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