Körperverletzungsprozess: Die "Zigeuner" und das Messer

1. Juni 2016, 07:00
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Ein eskalierter Familienstreit bringt ein Brüderpaar vor Gericht. Das Opfer relativiert seine Aussage nun allerdings massiv

Wien – Eines steht im Prozess gegen Josef und Karl F. fest: Alkohol hat eine wesentliche Rolle gespielt. Das Brüderpaar soll in einem Sportcafé in Wien-Floridsdorf Christian Z., Vater der Enkelin von Karl F., schwer verprügelt und mit einem Messer bedroht haben.

Am ersten Prozesstag nannten die Angeklagten einen Grund dafür: "Er hat gesagt, er ist ein Arier und wir sollen mit der Kleinen nicht zigeunerisch reden", erklärten sie. Ein Streit entstand, Josef F. gibt zu, Z. geschlagen zu haben. Karl F. leugnet dagegen, den Kontrahenten mit vorgehaltenem Messer gewarnt zu haben, zur Polizei zu gehen.

Richter Stefan Renner hört sich nun die Version des Opfers an, die im Gegensatz zu seiner Aussage bei der Polizei deutlich harmloser klingt. "Wir haben was getrunken gehabt, und ich habe blöd zu reden angefangen", gibt Z. zu. "Um was ist es da gegangen?", fragt Renner nach.

Kein Wort von Arier

"Um meine Tochter, ich wollte nicht, dass sie mit ihr in ihrer Sprache reden. Ich will, dass sie richtig Deutsch lernt." – "Ist vielleicht auch das Wort 'Arier' gefallen?", zeigt sich der Richter interessiert. Z. bestreitet das: "Ich weiß selber, dass ich kein Arier bin. Ich habe griechische Vorfahren!"

An die Attacke selbst habe er kaum eine Erinnerung, behauptet er nun, er wisse nur noch, dass ihn Josef F. angegriffen habe. Dass er in den Schwitzkasten genommen worden sei und einen Faustschlag bekommen habe, sei ihm mittlerweile auch entfallen. Z. war auch ziemlich illuminiert – Stunden später, als er zur Behandlung im Spital war, hatte er noch immer 1,9 Promille.

Das führt das Opfer auch als Grund an, dass er die Angeklagten bei der Polizei noch massiv belastet hat. "Sicher war ich da aufgewühlt. Und angefressen und angesoffen", wiegelt er nun ab. Eigentlich möchte er überhaupt keinen Prozess, denn zumindest mit Karl verstehe er sich gut.

Opfer fühlte sich nicht bedroht

In einem Punkt belastet er den Großvater seines Kindes aber: "Er hatte ein Klappmesser." Das bestreitet der Angeklagte, auch kein anderer Zeuge will die Waffe wahrgenommen haben. "Er hat gesagt: 'Waßt eh, wos is, wenns'd di mit de Zigeuna aulegst.' Aber das habe ich nicht ernst genommen", bestreitet Z. nun, sich bedroht gefühlt zu haben.

Für Verteidiger Leonhard Kregcjk steht ohnehin eine "milieubedingte Unmutsäußerung im Raum", wie er erklärt. Vorurteilsbeladene Menschen könnten sogar mutmaßen, dass es sich in Transdanubien dabei nicht einmal um eine Unmuts-, sondern eine Alltagsäußerung handelt.

Vom Vorwurf der Drohung und Nötigung wird Karl F. schließlich nicht rechtskräftig freigesprochen. "Der Zeuge hat seine Aussage massiv relativiert", begründet der Richter. "Er hat auch mit der Provokation begonnen." Die Sache mit dem Messer glaubt er nicht, und überhaupt: "In diesem Milieu, bei dieser Alkoholisierung ...".

Die Körperverletzung wird, da auch das Opfer freudig einverstanden ist, diversionell erledigt: Renner entscheidet sich für einen außergerichtlichen Tatausgleich, also ein betreutes Gespräch zwischen Z. und Josef F., der auch schon Schmerzensgeld gezahlt hat. (Michael Möseneder, 1.6.2016)

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