Einer von sechs Österreichern will Boateng nicht als Nachbarn

Blog31. Mai 2016, 11:52
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Ressentiments gegenüber Menschen anderer Hautfarbe sind hierzulande stärker ausgeprägt als in den meisten Staaten Westeuropas

"Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut, aber wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben": So sprach vor kurzem der stellvertretende Vorsitzende der AfD, Alexander Gauland, über den deutschen Nationalspieler Jérôme Boateng.

Lassen wir für einen Moment die Ressentiments, die in dieser Aussage mitschwingen, beiseite. Hat Herr Gauland vielleicht recht? Wie viel Ablehnung gegenüber Nachbarn mit anderer Hautfarbe gibt es in Deutschland, Österreich und anderen Ländern Europas?

Treffenderweise gibt es genau dazu international vergleichende Daten. In sozialwissenschaftlichen Umfragen wird nämlich die Frage danach, wen man lieber nicht als Nachbarn hätte, gerne als empirischer Indikator für Ressentiments und Ablehnung gegenüber sozialen Gruppen herangezogen.

In der jüngsten Welle der European Values Study wurden alle Befragten gebeten, aus einer Liste mit gesellschaftlichen Gruppen all jene zu nennen, die sie nicht gerne als Nachbarn hätten. Zwar sind diese Daten schon einige Jahre alt (die Feldarbeit fand zwischen 2008 und 2010 statt), man kann aber davon ausgehen, dass die damit gemessenen Ressentiments sich nicht innerhalb weniger Jahre dramatisch wandeln.

Natürlich muss bei solchen sensiblen Fragestellungen immer berücksichtigt werden, dass soziale Erwünschtheit eine große Rolle spielen kann. Was wir also eigentlich vergleichen, ist der Anteil jener Befragten, der bereit ist, die Ablehnung gegenüber einer bestimmten Gruppe in einer Umfrage offen zuzugeben. Dabei spielen also nicht nur die Meinungen der Befragten eine Rolle, sondern auch die Frage, wie sehr diese Meinungen in einer Gesellschaft sozial akzeptiert sind.

Die erste Abbildung zeigt den Anteil jener Befragten in allen EU-Staaten (plus der Schweiz), die angeben, Menschen anderer Hautfarbe nicht als Nachbarn haben zu wollen. In Deutschland liegt dieser Wert bei fünf Prozent. Geringer ist er nur in Spanien, Frankreich und der Schweiz. Für Deutschland trifft die Diagnose von Herrn Gauland also nur auf eine kleine Minderheit zu.

In Österreich hingegen ist der Ablehnungswert mit 18 Prozent deutlich höher. Österreich mischt sich damit unter die Gruppe der größtenteils osteuropäischen Länder in der oberen Hälfte der Abbildung. In den meisten Staaten West- und Nordeuropas ist die Ablehnung von Nachbarn mit anderer Hautfarbe markant niedriger.

Aber auch in Österreich gibt es Gruppen, die als Nachbarn weit weniger gern gesehen würden. Die zweite Grafik zeigt, wie oft die jeweiligen Gruppen von den österreichischen Befragten genannt wurden.

Am meisten Ablehnung schlägt Suchtkranken und politischen Extremisten entgegen, gefolgt von Vorbestraften und psychisch labilen Personen. Erst danach folgen ethnisch und religiös definierte Gruppen sowie Aids-Kranke und Homosexuelle.

Was diese Zahlen nicht zeigen, sind die großen Unterschiede nach Parteipräferenz. Wie in der dritten Abbildung zu sehen ist, sind die Anhänger bestimmter Parteien in sehr unterschiedlichem Ausmaß tolerant bei der Wahl ihrer Nachbarn. Über alle Gruppen hinweg äußern FPÖ-Anhänger im Schnitt die größte Skepsis, Grün- und SPÖ-Wähler die geringste. Dieses Ergebnis hängt natürlich mit der Auswahl der sozialen Gruppen zusammen, von denen viele religiöse oder ethnische Minderheiten sind.

Besonders interessant ist aber das Ausmaß der Unterschiede zwischen den Parteianhängern. Sie sind am wenigsten ausgeprägt bei Rechtsextremisten, Vorbestraften und Personen, die oft betrunken sind. Hier ist die Ablehnung relativ einhellig quer durch alle Wählergruppen.

Ganz anders sieht es bei Muslimen, Zuwanderern und Menschen anderer Hautfarbe aus – hier sind die Unterschiede nach Parteipräferenz am stärksten ausgeprägt. Und daraus ergibt sich ein besonders interessanter Vergleichspunkt zu Deutschland. Dort variiert die Einstellung gegenüber Nachbarn mit anderer Hautfarbe nicht mit der Parteipräferenz – sie ist in allen Wählergruppen gleich niedrig (was sich natürlich mit dem Aufstieg der AfD geändert haben mag). (Laurenz Ennser-Jedenastik, 31.5.2016)

  • "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut, aber wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben", sagte AfD-Vize Alexander Gauland über Jérôme Boateng. Tatsächlich sind es rund fünf Prozent der Deutschen, die Menschen anderer Hautfarbe als Nachbarn ablehnen.
    foto: apa/afp/christof stache

    "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut, aber wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben", sagte AfD-Vize Alexander Gauland über Jérôme Boateng. Tatsächlich sind es rund fünf Prozent der Deutschen, die Menschen anderer Hautfarbe als Nachbarn ablehnen.

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