Jennifer Teege: "Frauen haben noch immer eine schwächere Lobby"

Interview1. Juni 2016, 11:00
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Die deutsche Autorin über ihren Großvater, der KZ-Kommandant war, das Buch über ihre Familiengeschichte und ihr Eintreten für Frauenrechte

STANDARD: Sie wurden 2013 mit dem Buch "Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen" bekannt, indem Sie die Geschichte von Amon Göth, dem KZ-Kommandanten aus "Schindlers Liste", aufarbeiten, der Ihr Großvater war.

Jennifer Teege: Das ist kein Buch über meinen Großvater, es ist eine Familienchronik. Es ist auch meine Geschichte, die meiner Mutter und Großmutter, also von den Frauen in dieser Familie. Ich bin, wenn Sie so wollen, die Sammlerin dieser Geschichten. Das Buch ist getragen vom Wunsch nach einer umfangreicheren Sichtweise.

STANDARD: Sie haben erst mit 38 Jahren von ihrem familiären Hintergrund erfahren, weil Sie als Kind adoptiert wurden und nicht bei ihrer leiblichen Mutter aufwuchsen. Von ihr stammt ebenfalls ein Buch zur Familiengeschichte: "Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?", das 2002 erschienen ist. Der Autor Matthias Kessler schrieb es, nachdem er ihre Mutter zwei Tage lang interviewt hatte. Sie hingegen haben Ihr Buch selbst geschrieben, wenn auch mit der Hilfe der Journalistin Nikola Sellmair – ein emanzipatorischer Akt?

Teege: Ja, da gibt es einen riesengroßen Unterschied zwischen diesen beiden Büchern. In meinem Fall ist es geschrieben worden in Zusammenarbeit mit Nikola Sellmair, die Position der Autorin bleibt neutral, die Leserinnen und Leser sollen selbst ihre Schlüsse ziehen. Bei Matthias Kessler werden Sie diese Neutralität vergeblich suchen. Mein drittes Kapitel endet mit dem Bild eines Mobiles, in dem Amon obenauf ist, obwohl ihm diese Rolle gar nicht mehr zusteht. Meine Großmutter und meine Mutter waren die ersten Menschen, zu denen ich eine Bindung hatte. Das ist, wie man aus der Psychologie weiß, sehr wichtig für die Entwicklung. Aber das ganze Familiensystem ist wie eine dieser russischen Babuschka-Puppen, in der sich immer neue Geschichten entfalten.

STANDARD: Sie sind die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers. Warum haben Sie in Israel studiert?

Teege: Es gab eigentlich keinen bestimmten Grund. Ich war damals in Paris wohnhaft und habe eine israelische Studentin kennengelernt, die ich dort besucht habe. Es war also ursprünglich schlechtes Gewissen, weil ich Deutsche war und den Wunsch hatte, etwas wiedergutzumachen – danach habe ich viel über den Holocaust geforscht.

STANDARD: Was ist Ihr Bezug zur Women-for-Peace-Konferenz, die am 2. und 3. Juni 2016 in Graz stattfinden wird?

Teege: Ich dachte zuerst auch: Da passe ich gar nicht rein, bei den großen Namen und all den Nobelpreisträgerinnen. Es ist mir natürlich eine Ehre. Und ja, ich bin eine Frau mit afrikanischem Hintergrund. Ich versuche, mit meiner Geschichte die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden und mit der Zukunft zu verknüpfen. Das ist in einer Zeit, die noch immer von -Ismen geprägt ist – Rassismus, Antisemitismus etc. –, von Bedeutung. Außerdem stehe ich von meiner politischen Einstellung her voll hinter all den Anliegen der Konferenz, also für die Stärkung der Demokratie, gegen sexualisierte Gewalt.

STANDARD: Warum finden Sie es wichtig, dass Frauen selbst für ihre Rechte eintreten?

Teege: Frauen sollen eine hörbarere Stimme bekommen. Frauen haben noch immer eine deutlich schwächere Lobby. Ich bin für Frauen, aber nicht gegen Männer.

STANDARD: Herkunft ist ein wichtiges Thema für Sie. Waren Sie schon einmal in Nigeria?

Teege: Ich habe den afrikanischen Kontinent schon bereist, in Nigeria war ich noch nicht. Im Herbst werde ich an einer Konferenz in Südafrika teilnehmen. Meine Geschichte trägt mich um die Welt.

STANDARD: Ihr Großvater ist in Wien geboren. Haben Sie einen Bezug zu Österreich?

Teege: Ja, aber nicht wegen meines biologischen Großvaters. Meine Adoptivmutter kommt aus Wien, bei uns gab‘s also auch eine Tuchent und Paradeiser.

STANDARD: Planen Sie ein zweites Buch?

Teege: Die Geschichte ist wie ein Puzzle, für das ich den Rahmen endlich habe. Seit der Veröffentlichung bin ich mit so vielen unterschiedlichen Menschen, auch ZeitzeugInnen in Kontakt. Vielleicht werde ich die Geschichte irgendwann weitererzählen, es gibt aber noch kein konkretes Projekt. (Tanja Paar, 1.6.2016)


Jennifer Teege (46) lebt als Autorin und Texterin in Hamburg. 2013 erschien ihr Buch "Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen". Sie ist eine der Teilnehmerinnen der Women-for-Peace-Konferenz im Grazer Kongress am 2. und 3. Juni 2016.

www.womenforpeace.at

  • Autorin Jennifer Teege: "Meine Geschichte trägt mich um die Welt."
    foto: thorsten wulff

    Autorin Jennifer Teege: "Meine Geschichte trägt mich um die Welt."

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