Alexander Gauland: Eigentor eines frustrierten Konservativen

Kopf des Tages30. Mai 2016, 20:17
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Mit seinem beleidigenden Statement zum deutschen Fußballstar Jérôme Boateng hat der AfD-Vize wohl den Bogen überspannt

Es ist nicht das erste Mal, dass es passiert, aber man kann sich immer wieder darüber empören. Da gibt ein AfD-Politiker der Presse freundlich Auskunft, und dann verdreht die einfach alles. Legt dem seriös, in Tweedsakko und mit Einstecktuch auftretenden Vizechef Alexander Gauland eine üble Beleidigung des deutschen Fußballstars Jérôme Boateng in den Mund.

So zumindest stellt Gauland die Affäre dar, aber kaum jemand glaubt ihm. Seine Partei, die 2013 gegründete Alternative für Deutschland, mag noch jung sein, Gauland aber ist es, mit Verlaub, nicht. Der 75-Jährige zählt eben nicht zu den Newcomern, er hat ein langes parteipolitisches Dasein hinter sich und weiß um die Bedeutung medial verbreiteter Botschaften.

Gauland gehört auch nicht zu jenen, die dumpfe Parolen nachplappern. Früher war er als intellektueller Geist in der CDU hochanerkannt. Selbst die linke Tageszeitung schwärmte, er sei "ein kluger Konservativer, noch dazu diskursfähig – eine in Deutschland nicht allzu häufige Kombination" .

Doch diese Zeiten sind längst vorbei, heute ist der AfD-Vizechef und -Landeschef von Brandenburg den Konservativen in der CDU Mahnung dafür, wohin man driften kann, während Angela Merkel nach links rückt.

Gauland stammt aus Sachsen, sein Vater war einst am Königshof tätig und später Polizeipräsident von Chemnitz. Nach der Flucht in den Westen studierte er Geschichte, Politik und Jus in Hessen, trat in die CDU ein und stieg im Dunstkreis der hessischen CDU auf. Zuletzt leitete er von 1987 bis 1991 für den CDU-Ministerpäsidenten Walter Wallmann die hessische Staatskanzlei.

Nach der Wende ließ er sich in Brandenburgs Hauptstadt Potsdam nieder, gab bis 2005 die Märkische Allgemeine heraus und zählte bis vor kurzem zu den gefragten Intellektuellen der Stadt. Und er musste feststellen, dass die CDU und er nicht mehr zusammenpassten. Aussetzung der Wehrpflicht, Eurorettung, Ausstieg aus der Atomenergie, Willkommenskultur für Flüchtlinge – nach 40 Jahren trat Gauland aus der CDU aus.

"Die CDU hat mich verlassen, nicht andersrum", sagt er, und eine gewisse Genugtuung schwingt dabei schon mit, wenn er über die Wahlerfolge der AfD und die Verluste der CDU spricht. Mit seiner Boateng-Schmähung aber dürfte er den Bogen überspannt haben. Nicht nur finden viele Deutsche den Starkicker gut; auch seine Hautfarbe ist ihnen herzlich egal.(Birgit Baumann, 30.5.2016)

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    foto: reuters/wolfgang rattay
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