"Er sprang mich wie ein Krake an"

30. Mai 2016, 17:09
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Sexuelle Belästigung durch den Grünen-Politiker Baupin: Immer mehr Betroffene berichten über ihre eigenen Erfahrungen

Es war schon Feierabend, die Büros im Sitz der Grünen Partei leerten sich. Da wurde die Angestellte vom Abgeordneten Denis Baupin gebeten, noch schnell in sein Büro zu kommen – er habe ein Faxdokument für sie. Sie folgte ihm, trat ins Büro. "Da sprang er mich wie ein Krake an", erzählte die Frau am Montag dem Radiosender France Inter. "Er versuchte mich mit allen Mitteln zu küssen. Ich musste kämpfen. Und natürlich gab es keinerlei Fax."

Erschreckt sei sie aus dem Büro geflüchtet, erzählte die Frau, die aus Rücksicht auf ihr Privatleben anonym bleiben will. Anders die ehemalige Parteimanagerin Geneviève Zdrojewski: Sie erklärte am Montag, Baupin habe sie am Klo gegen eine Wand gedrückt, darauf ihre Brüste gepackt und sie zu küssen versucht. Auch sie rettete sich, sprach aber vorerst nicht darüber: "Das ist zu erniedrigend."

Nun brechen immer mehr Frauen in Paris die "Omertà", das Gesetz des Schweigens. Dass alles aufflog, liegt an Baupin selbst. Er machte in einer Kampagne gegen sexuelle Belästigung mit und ließ sich dafür neben anderen Männern mit rot bemalten Lippen abbilden. Elen Debost, grüne Vizebürgermeisterin der Stadt Le Mans, konnte da nicht länger schweigen. Auf France Inter erzählte sie, sie habe von Baupin zahllose SMS eindeutigen Inhalts erhalten, etwa nach dem Motto: "Ich bin im Zug und möchte dich von hinten nehmen, während du in Stiefeln bist."

Baupin streitet alles ab

Es ist das erste Mal, dass sich Französinnen als Opfer sexueller Belästigung outen – und auch die Täter nennen. Baupin streitet ab, dass er sich strafbar gemacht habe.

Bleibt der Umstand, dass mittlerweile mehr als zehn Frauen unabhängig voneinander ähnliche Szenen oder SMS-Texte geschildert haben. Deshalb ist Baupin bereits als Vizepräsident der französischen Nationalversammlung zurückgetreten.

Sein Fall hat eine Lawine von Reaktionen ausgelöst. Die Debatte ist nicht neu. Nach der Sexaffäre des ehemaligen Währungsfondsdirektors Dominique Strauss-Kahn im Jahr 2011 mit einer New Yorker Hotelangestellten erklärten zum Beispiel französische Journalistinnen in einem Appell in der Zeitung "Libération", sie seien "kein Freiwild" und hätten genug von schlüpfrigen Angeboten gegen Informationsversprechen. Namen nannten sie damals noch nicht; es gehe schließlich, wie sie sagten, um die Sache, nicht um einzelne Schicksale. Jetzt schwindet diese Zurückhaltung. In dem Buch "Élysée Off" erzählen zwei Autoren, wie Finanzminister Michel Sapin am Weltwirtschaftsforum in Davos zu einer Journalistin, die gerade ihren Kugelschreiber vom Boden aufgelesen habe, scherzhaft gesagt habe: "Oh, was zeigen Sie mir denn da?" Darauf habe er das Band ihres Slips angehoben und schnalzen lassen.

Sapin, ein Schwergewicht der Regierung, bestreitet jede sexistische Handlung, entschuldigt sich aber, den freiliegenden Rücken der Frau berührt zu haben. Dieses "Stringgate", wie sich die Presse ausdrückt, und die Baupin-Affäre haben nun 17 ehemalige Ministerinnen bewogen, sich in einem Manifest zu äußern. "Wie alle Frauen, die in ein früher ausschließlich männliches Milieu gelangt sind, haben wir Sexismus ertragen und dagegen kämpfen müssen", erklären etwa die Sozialistin Élisabeth Guigou, die Konservative Nathalie Kosciusko- Morizet, die Grüne Cécile Duflot oder die derzeitige Währungsfondschefin Christine Lagarde. "Wir ermutigen alle Opfer sexueller Belästigung oder Aggression zu reden und Klage einzureichen." Im Fall Baupins hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen. Die Vorwürfe sind zum Teil jahrealt und verjährt. (Stefan Brändle aus Paris, 30.5.2016)

  • Vor der Nationalversammlung in Paris kommt es seit Mitte Mai immer wieder zu Kundgebungen gegen sexuelle Nötigung von Frauen. Zum ersten Mal outen sich Französinnen selbst öffentlich als Opfer sexistischer Attacken und nennen auch die Namen der Täter – unter ihnen viele Spitzenpolitiker Frankreichs.
    foto: apa/afp/dominique faget

    Vor der Nationalversammlung in Paris kommt es seit Mitte Mai immer wieder zu Kundgebungen gegen sexuelle Nötigung von Frauen. Zum ersten Mal outen sich Französinnen selbst öffentlich als Opfer sexistischer Attacken und nennen auch die Namen der Täter – unter ihnen viele Spitzenpolitiker Frankreichs.

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