Mekka bleibt den Iranern heuer verschlossen

Analyse30. Mai 2016, 17:04
314 Postings

Schlechte Beziehungen zwischen Riad und Teheran hindern zehntausende Iraner an der Hajj – nicht zum ersten Mal

Riad/Teheran/Wien – Die Anschuldigungen, wer denn nun "vor Gott, dem Allmächtigen" schuld sei, dass iranische Muslime dieses Jahr nicht auf die Hajj gehen können, flogen am Wochenende zwischen Saudi-Arabien und dem Iran auf medialem Wege hin und her. Unter reger Beteiligung der Online-User inklusive gegenseitiger Hasstiraden: Iraner sollten gar nicht mehr nach Mekka fahren, solange das korrupte Haus Saud regiere, versus Saudi-Arabien sollte die schiitischen Ketzer und Störenfriede überhaupt nicht mehr ins heilige Mekka lassen.

Die Pilgerfahrt, mindestens einmal im Leben, gehört zu den religiösen Pflichten eines gläubigen Muslims, und es wäre ein starkes Stück, wenn Saudi-Arabien, dessen König der "Hüter der Heiligen Stätten" ist, die Iraner aussperren würde. Das hat es nicht getan. Aber laut Teheran hat Riad die Bedingungen, die die Sicherheit der iranischen Pilger und Pilgerinnen garantieren sollten, nicht erfüllt. Und deshalb, so der iranische Minister für Kultur und islamische Führung Ali Jannati – Sohn von Experten- und Wächterratschef Ahmad Jannati –, könnten heuer keine Iraner die Wallfahrt, die in den September fällt, absolvieren.

Das Unglück von 2015

Vergangenes Jahr waren es etwa 60.000 (laut anderen Quellen 75.000) Iraner, und 464 davon kamen nicht mehr lebendig nach Hause: Sie wurden bei einer Massenpanik getötet, deren Opferzahl international meist mit etwa 2.400 angegeben wird – nicht jedoch von Saudi-Arabien, das seine Zahl von etwa 700 nie nach oben korrigiert hat. Die Gruppe der iranischen Opfer war die größte. Saudi-Arabien wurde nicht nur vom Iran, sondern auch von anderen betroffenen Staaten scharf kritisiert. Die geforderte Entschuldigung König Salmans blieb aus.

Saudi-"Missmanagement"

Wie immer nach einem Hajj-Unglück wurde in der islamischen Welt diskutiert, ob das saudische Regime zum Hajj-Organisator taugt. "Missmanagement" sei Schuld, die Organisation der Islamischen Zusammenarbeit (OIC) solle die Aufgabe übernehmen. Der Vorwurf tauchte auf, der Konvoi des saudischen Vizekronprinzen habe, indem er sich vordrängte, die Panik ausgelöst. Ein saudischer Offizieller hingegen nannte eine Gruppe Afrikaner, die sich nicht an die Regeln gehalten hatten, als Urheber.

Und unter den bereits erwähnten Postings am Wochenende fehlt auch die Behauptung nicht, die Iraner hätten durch ihr Parolenrufen und aggressives Benehmen das Unglück selbst herbeigeführt. Die Behauptungen stützen sich auf einen Vorfall von 1987: Da kam es bei der seit 1981 üblichen Demonstration der iranischen Pilger gegen Israel und die USA – die Verbündeten Saudi-Arabiens – zu Zusammenstößen mit der Polizei und einer folgenden Massenpanik mit 400 Toten (auch über diese Zahl gibt es keinen Konsens). Daraufhin blieben die Iraner 1988 und 1989 ebenfalls schon einmal der Hajj fern.

Aus Saudi-Arabien hieß es am Sonntag, die aktuellen Verhandlungen seien daran gescheitert, dass der Iran auf dem Recht seiner Bürger, Demonstrationen abzuhalten, bestanden habe. Aber natürlich geht es nicht allein um die Hajj, sondern um die gegenwärtig besonders tiefe Krise der seit 1979, der islamischen Revolution im Iran, ohnehin konstant schlechten bilateralen Beziehungen. Saudi- Arabien und der Iran sind heute Antagonisten an vielen nahöstlichen Konfliktschauplätzen, von Syrien über den Libanon, Irak, Bahrain bis zum Jemen.

Derzeit sind die diplomatischen Beziehungen abgebrochen – was die Visa-Ausstellung für iranische Pilger besonders schwierig gemacht hätte. Nachdem Saudi-Arabien zu Beginn des Jahres den schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr als "Terroristen" hinrichten ließ, war ein iranischer Mob auf saudische diplomatische Einrichtungen in Teheran und Mashhad losgegangen.

Wieder Cyberattacke

Auch im virtuellen Raum wird der Hegemonialkampf ausgetragen: In den vergangenen Tagen beschuldigte Teheran Riad eines Cyberangriffs, bei dem unter anderem die Homepage der iranischen Cyberpolizei und das statistische Zentralamt gehackt wurden. 2012 war die saudi-arabische Ölgesellschaft Aramco das Opfer gewesen – und der Iran der Beschuldigte.

Wenn Schiiten nach Saudi-Arabien pilgern, dann kommen sie in ein Land, dessen religiöse Bibliotheken voll von antischiitischer Literatur sind. Durch die Verehrung ihrer Imame – der Nachkommen des Propheten Mohammed – verletzen Schiiten in den Augen des rigorosen wahhabitischen Islam das Monotheismusgebot. (Gudrun Harrer, 30.5.2016)

  • Ein schiitischer Geistlicher vor der Kaaba in Mekka. Bei der heurigen Hajj werden weniger Schiiten kommen – die Iraner bleiben fern.
    foto: afp / hassan ammar

    Ein schiitischer Geistlicher vor der Kaaba in Mekka. Bei der heurigen Hajj werden weniger Schiiten kommen – die Iraner bleiben fern.

Share if you care.