Keine Autorevolution auf Kuba

30. Mai 2016, 16:00
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Audi stellte erstmals eines seiner Modelle in dem sozialistischem Land vor, für viele Kubaner bleibt ein Neuwagenkauf aber ein Traum

Havanna/Ingolstadt – Erstmals stellt Audi eines seiner Modelle im sozialistischen Kuba vor. Eine Aktion, die auf den Charme des sich öffnenden Karibikstaates setzt. Die Realität auf den Straßen sieht noch immer anders aus.

Die rot lackierten Neuwagen fallen auf den heruntergekommenen Straßen Havannas sofort auf. Denn seit Jahrzehnten prägen US-amerikanische Straßenkreuzer aus den 1950er-Jahren das Straßenbild Kubas. Beim Anblick der neuen Audis bleiben einige Menschen stehen und winken den deutschen Besuchern in dem halben Dutzend Fahrzeugen zu.

Mit dem neuen Stadtgeländewagen Q2 hat Audi an diesem Sonntag erstmals eines seiner Modelle in dem sozialistischen Inselstaat vorgestellt – kurz vor der offiziellen Präsentation in Zürich. Kuba liegt gerade im Trend. Touristen, Prominente und Firmen aus aller Welt haben die Karibikinsel entdeckt, vor allem seitdem die USA Ende 2014 eine Wende in ihren jahrzehntelang zerrütteten Beziehungen zu Kuba einleiteten.

Nach dem Sieg der Revolution von 1959 war der Staat in die Isolation im Zuge des Kalten Krieges zwischen Ost und West geraten. Nun scheinen es viele eilig zu haben, bei der langsamen Öffnung dabei zu sein. Zuletzt hatte das französische Modehaus Chanel erstmals in seiner Geschichte seine Models über einen Catwalk in Havanna laufen lassen.

Audi-Entwicklungsvorstand Stefan Knirsch sagte in Havanna, Kuba sei ein Land, in dem "wahrscheinlich niemand ein neues Auto vorgestellt hat, in den letzten 50 Jahren ganz sicher nicht." Gerade der Automarkt ist aber ein gutes Beispiel dafür, dass der Wandel auf Kuba nur langsam voranschreitet. Seit einigen Jahren schon fährt die Regierung von Staatschef Raul Castro (84) einen vorsichtigen marktwirtschaftlichen Kurs, inzwischen arbeiten fast rund 500.000 der 11 Millionen Kubaner im wachsenden Privatsektor.

Offizielle Öffnung

Anfang 2014 öffnete die Regierung offiziell auch den Markt für Neuwagen – jeder Kubaner, hieß es damals, dürfe nun ein neues Auto erwerben. Die Ankündigung kam damals einer Revolution gleich, nachdem zwei Jahre zuvor schon der freie Handel mit Gebrauchtwagen genehmigt worden war.

Kuba hatte nach 1959 den Autohandel weitgehend verboten. In den Jahrzehnten danach hatte nur der Staat Autos ins Land eingeführt, in der Regel alte sowjetische Modelle wie Lada, in letzter Zeit vor allem chinesische Marken. Neuwagen wurden bis 2014 nur als Prämien an Regierungsbeamte oder etwa Ärzte vergeben.

Inzwischen sind aber in Havanna immer mehr modernere Autos zu sehen, manchmal auch VW oder eben Audi. Nur: Eigentlich kann sich der Normalbürger nach wie vor kaum einen Neuwagen leisten. So manches Fahrzeug kostet ein vielfaches dessen, was man beim Händler in Europa dafür bezahlen würde. Und das in einem Land, in dem der durchschnittliche Monatslohn im Staatssektor umgerechnet etwa 25 Euro beträgt.

So bleibt die Kontrolle des Automarktes in der Realität in Staatshand – der Staat importiert wenige Autos und legt später eigentlich unerschwingliche Preise fest. Private Autohändler darf es nach wie vor nicht geben. "Aktuell ist es so, dass wir Fahrzeuge nur anbieten können, wenn eine politische Anfrage gestellt wird", erklärt etwa Ulrich Widmann, Leiter der Projektsteuerung bei Audi. Als Markt sei Kuba deswegen eigentlich kaum interessant.

Kritiker vermuten, dass durch die Restriktionen Kubas Regierung vor allem die wachsenden sozialen Unterschiede in Zeiten der wirtschaftlichen Öffnung kaschieren will. Der Staat selbst sagt, dass die maroden Infrastrukturen des Landes noch ausgebaut werden müssten, bevor massenhaft neue Fahrzeuge eingeführt würden.

Für viele Kubaner bleibt der Neuwagen-Kauf ohnehin ein Traum. "Einen Audi hätte ich gerne, der wäre aber zu teuer für mich", sagt etwa Yorniel Pineda mit Blick auf den neuen Q2. Der Taxifahrer fährt ausländische Touristen mit seinem Chevrolet Bel Air, Baujahr 1957, durch Havanna. "Um mir so ein Auto zu kaufen, müsste ich meins neunmal verkaufen." (APA, 30.5.2016)

  • Die Kontrolle des Automarktes bleibt in der Realität in Staatshand.
    foto: apa/afp/adalberto roque

    Die Kontrolle des Automarktes bleibt in der Realität in Staatshand.

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