Gerechtigkeit für Südafrikas kranke Männer unter Tage

31. Mai 2016, 05:53
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Gericht lässt Sammelklage erkrankter Grubenarbeiter gegen Bergbauunternehmen zu

Die ehemaligen Kumpels südafrikanischer Goldminen jubelten und tanzten vor dem Gericht in Johannesburg. Denn das Gericht hat den Weg für die bisher größte Sammelklage von 69 lungenkranken Bergleuten gegen 32 Bergbauunternehmen freigegeben. Tausende Bergleute, die durch die Arbeit unter Tage eine tödliche Staublunge oder Tuberkulose bekommen haben, können gemeinsam die Unternehmen auf Schadensersatz klagen.

"Die Minenbosse wissen nun, dass die Bergleute keine Spielzeuge sind, sondern sie sind Menschen und verdienen es besser", sagte der ehemalige Bergarbeiter Hendrik Mokoena. Der Richter betonte Mitte Mai, dass es für viele Bergleute unmöglich sei, einzeln gegen die Unternehmen vorzugehen, da ihnen die finanziellen Mittel fehlten. Sie werfen den Unternehmen vor, ihre Sorgfaltspflicht verletzt zu haben.

Keine Schutzausrüstung

In vielen Bergwerken gab es demnach keine Schutzausrüstung, die Arbeiter vor dem Einatmen gefährlicher Staubpartikel im Untertagebau geschützt hätte. Durch sie kann eine Staublunge entstehen, die langfristig die Lungenfunktion einschränkt. Die oft mit Tuberkulose einhergehende Silikose wird fast nur von der Arbeit unter Tage ausgelöst.

Vor allem in Goldminen, wo das in silikonreichem Quarzgestein verborgene Edelmetall gewonnen wird, entsteht beim Bohren und Abräumen ein gesundheitsgefährdender Staub. Er enthält Teilchen, die noch nach Jahren in der Lunge die Bildung von Gewebeknoten verursachen und so bewirken, dass die Aufnahme von Sauerstoff immer stärker eingeschränkt wird. Eine Heilung gibt es nicht.

Angst um die Existenz

Auch Mokoena ist 2007 durch seine Arbeit an Tuberkulose erkrankt. Er hatte in der Beatrix-Mine des Unternehmens Gold Fields bei Welkom gearbeitet. 2009 wurde er nach Hause geschickt – mit 87.000 Rand (heute 5.000 Euro) Abfindung. Er könne nicht mehr in einem Bergwerk arbeiten, sagten sie ihm. Er war wegen seiner Erkrankung "unbrauchbar" geworden, aber er musste seine Familie ernähren.

"Wie soll ich damit in meinem Alter leben, damals war ich 40 Jahre alt und hatte neun Jahre in der Mine gearbeitet", sagt Mokoena. Für seine Familie war es sehr schwer, das Einkommen des Haushaltsvorstandes zu verlieren. Mokoena konnte seine älteste Tochter nicht zur Uni schicken.

Dennoch hatte er Glück, denn er fand Arbeit bei dem Menschenrechtsanwalt Richard Spoor, der die Sammelklage mit Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen wie der HIV-Lobbygruppe Treatment Action Campaign und Sonke Gender Justice durchgesetzt hat. Aber viele seiner Kumpels sind inzwischen verstorben. Südafrikas Reichtum ist durch sie, die vielen armen Migranten aus den Nachbarländern oder den ländlichen Gebieten Südafrikas, entstanden. Trotz der Risiken arbeiten sie bei schlechten Bedingungen unter Tage, dem schleichenden Tod ausgesetzt.

Tausende Betroffene

Auch Vuyani Dwadube arbeitete als Steinbohrer der Harmony-Goldmine. Er wurde 1995 entlassen und stellte vier Jahre später fest, dass er an Tuberkulose litt. Er kommt gebürtig aus der ärmsten Provinz Südafrikas, dem Ostkap. Er ist enttäuscht über das Verhalten der Firmen, die sich mit seinen Beschwerden nicht abgeben wollten: "Wir waren ihre Angestellten und haben Profit gebracht, aber sie haben uns gekündigt."

In der Höchstphase der südafrikanischen Goldproduktion in den 1980er-Jahren arbeitete ein halbe Million Männer in den Minen. Laut Gericht sollen zwischen 17.000 und 500.000 Menschen gesundheitlich geschädigt sein. Die Firmen werden erst entscheiden, ob sie gegen das Urteil klagen oder sich auf Zahlungen für ihre ehemaligen Mitarbeiter einigen. (Martina Schwikowski aus Johannesburg, 31.5.2016)

  • Bei Treffen werden Minenarbeiter mit Silikose über die Möglichkeiten der Sammelklage aufgeklärt.
    foto: reuters/mike hutchings/file

    Bei Treffen werden Minenarbeiter mit Silikose über die Möglichkeiten der Sammelklage aufgeklärt.

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