"Seit die Welt Welt ist": Die Schönheit der einfachen Dinge

31. Mai 2016, 07:05
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Günter Schwaiger begleitet in seiner Doku den Alltag in einem kastilischen Dorf

Wien – "Hier ist es uns nie gut gegangen. Jetzt, da es allen schlecht geht, geht es uns allen gleich." Doch ist es gut, wenn es allen gleich geht? In Vadocondes sicher nicht. Knapp dreihundert Einwohner zählt das kastilische Dorf, und es werden immer weniger. Die Jugend zieht weg, sucht nach Arbeit in den Städten, während die Bauern ums Überleben kämpfen und sich mit dem zufriedengeben müssen, was ihnen geblieben ist: dem Boden, ein paar Tieren, dem kleinen Wirtshaus.

Der seit vielen Jahren in Spanien lebende österreichische Filmemacher Günter Schwaiger kennt das Land und die Leute und hat sich dennoch, wie zuletzt in seinem Stierkampffilm Arena, einen Blick aus der Distanz bewahrt – er bewahrt aufmerksam-respektvollen Abstand in der Nähe. Wenn in Seit die Welt Welt ist der 56-jährige Bauer Gonzalo mit seiner Frau am Küchentisch sitzt und meint, mit seinem Einkommen die Familie nicht ernähren zu können – die Frau arbeitet als Krankenschwester in der Stadt, zwei der drei Söhne sind arbeitslos –, sucht Schwaiger mit der Kamera keine Großaufnahmen. Es ist, wie es ist.

mosolov-p schwaiger

So, wie der Regisseur geduldig den Alltag im Dorf verfolgt, muss man auch diesem Film Geduld entgegenbringen. Doch diese macht sich bezahlt. Die großen wirtschaftspolitischen Zusammenhänge, sie werden durch das Leben in Vadocondes nicht erklärt, weil sie sich auch nicht so einfach erklären lassen. Stattdessen muss das einzige Zuckerrübenfeld, das Gonzalo noch bewirtschaftet, bewässert werden – vielleicht zum letzten Mal.

Schwaiger folgt den Jahreszeiten, rückt immer wieder beinahe kontemplativ die Schönheit der Landschaft ins Bild. Eis auf den Weinstöcken. Frühlingsblüten. Sonnenblumen. Dazwischen der Einbruch des Archaischen: Zu Beginn wird ein Schwein geschlachtet, am Ende ist das Fleisch ein Jahr abgehangen und kommt am Weihnachtstag auf den Tisch.

Und langsam kommt die Geschichte zum Vorschein, so wie die Gebeine der vom Franco-Regime Ermordeten in der Nähe des Dorfes freigelegt werden. Einer davon war Gonzalos Onkel.

"Das Leben haben wir nicht gerade erst erfunden", sagt der Bauer, während alles seinen Gang geht. "Und auch nicht die Art zu leben. Das Leben ist das Leben, seit die Welt Welt ist." (Michael Pekler, 31.5.2016)

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  • Was die Zukunft bringt, weiß man ohnehin nie: Für Gonzalo als kastilischen Bauern kann wenig jedenfalls schon sehr viel sein.
    foto: mosolov-p

    Was die Zukunft bringt, weiß man ohnehin nie: Für Gonzalo als kastilischen Bauern kann wenig jedenfalls schon sehr viel sein.

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