Nagelhäuser in Schanghai: Bewohner wollen nicht weichen

Ansichtssache30. Mai 2016, 20:02
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Schanghais Immobilienmarkt boomt. In dem Viertel Guangfuli weigern sich Bewohner ärmlicher Häuser aber seit 16 Jahren, für Luxuswohnungen Platz zu machen

foto: reuters/aly song

Es ist wohl eines der wertvollsten Grundstücke der Welt und – zumindest in der Theorie – der Traum eines jeden Immobilienentwicklers: Rund um das Viertel Guangfuli in Schanghai wachsen Wolkenkratzer und Immobilienpreise in den Himmel. Bei rund 10.000 Euro liegen die Quadratmeterpreise hier. Sie sind zuletzt innerhalb eines Jahres um 25 Prozent gestiegen.

Doch gleichzeitig ist die Gegend der Alptraum eines Immobilienentwicklers: Hier leben einige hundert Menschen, die sich seit 16 Jahren standhaft weigern, Platz für hochpreisige Immobilienprojekte zu machen. Denn die angebotenen Kompensationszahlungen reichen ihnen nicht.

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Das Viertel ist mit einer Mauer von den teuren Eigentums-Wohnungen in den umliegenden Türmen abgetrennt. Manche der Wohnungen sind nur sechs Quadratmeter groß, viele Häuser in einem sehr schlechten Zustand: Teilweise fehlen Mauern und Fenster. Im Winter frieren die Bewohner, im Sommer ist es unerträglich heiß. Auf die Häuser hat die Baufirma einst die chinesischen Schriftzeichen für "Abriss" gesprayt, die aber mittlerweile verblasst sind.

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Laut Medienberichten wurde den Bewohnern mittlerweile angeboten, in neue Apartments in der Peripherie zu ziehen – aber dafür müssten sie aufzahlen. Das können sich viele nicht leisten.

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foto: reuters/aly song

Das Phänomen ist kein Neues: Immer wieder schaffen es in China sogenannte "Nagelhäuser" in die Medien, deren Bewohner sich weigern, ihr Zuhause zu verkaufen und die am Ende verlassen inmitten von Neubauvierteln stehen. Meist wird am Ende aber doch eine Einigung mit der Baufirma gefunden.

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foto: reuters/aly song

Hinter dem Problem stecken unklare Eigentumsverhältnisse in China: Früher wurden Arbeitern Häuser zur Verfügung gestellt, die sie heute als ihr Eigentum betrachten. In Guangfuli leben in manchen Häusern Familien schon seit Generationen.

Einen Nachweis, dass die Immobilie ihnen auch tatsächlich gehört, besitzen sie jedoch nicht. Seit 2007 ist zwar das Enteignen von Bewohnern per Gesetz verboten, Zwangsräumungen ohne Ausgleichszahlungen sollen aber immer noch vorkommen. (zof, 31.5.2016)

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