The Kills: Dreckige Fantasien auf dem Rücksitz

31. Mai 2016, 12:00
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Das Duo veröffentlicht am Freitag das Album "Ash & Ice", eine Mischung aus Rock-'n'-Roll-Klischees und bohrenden Grooves. Mittendrin singt Alison Mosshart eine Ballade über die verdammte Liebe. Dazu fiele Jamie Hince auch etwas ein

Wien – Ehe kaputt, Finger kaputt. Im Falle von Jamie Hince war die Sache mit dem Finger schlimmer. Schließlich ist er Gitarrist, da braucht er seine Finger nicht nur, um einen Ehering draufzustecken. Blöderweise war ihm einer zwischen Auto und dessen Tür geraten. Nach mehreren Operationen und Gscher musste der Brite neu Gitarre spielen lernen. Nebenbei ging seine Ehe in die Brüche. Hince ist (noch) der Angetraute von Kate Moss, dem Supermannequin. Aber das gehört auf die gelben Seiten. Hier soll es um Hince' Kunst gehen, und da ist die Welt heil, das Leid nur Kunst.

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Hince ist eine Hälfte der Band The Kills. Kommenden Freitag veröffentlicht das Duo sein neues Album Ash & Ice, im Sommer ist es beim Frequency Festival zu Gast. Die andere Hälfte der Kills ist Alison Mosshart. Seit 15 Jahren musizieren sie zusammen und pflegen ein schick-kaputtes Image, wie es in den 1990ern modern wurde. Damals wurden die Schmuddelkinder des Underground von einer durchgeknallten Musikindustrie ans Licht gezerrt. Das bescherte Gestalten wie Jon Spencer und seiner Gattin Christina neben dicken Verträgen Jobs als Imageträger einer Kultur, die in den Mainstream gehoben und ausgeschlachtet wurde. Mosshart und Hince sind in dieser Tradition zu sehen, sie bezogen sie früh in ihrer gemeinsamen Karriere auf eine Band wie Royal Trux, die ihr Junkietum medial inszenierte. Dagegen sind The Kills natürlich gesunde Menschen, außerdem will man ja die eigene Zukunft erleben, will man nicht?

Im Geist des Minimalismus

Das Image pflegt man dennoch, schließlich spielen The Kills einen bluesgetränkten Rock. Und zwar im Geiste des Minimalismus. Gitarre, Drumcomputer. Aus. Wobei dieses dreckige Reinheitsgebot live aufgeweicht wird, die Band dadurch konventioneller wirkt als auf ihren Alben. Diese sind geprägt von tiefen Grooves aus dem Rechner. Ihnen wirft Hince Gitarrenriffs aus der Urzeit des Rock 'n' Roll zwischen die Füße.

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Mosshart singt dazu mit der räudigen Stimme der Tochter eines Gebrauchtwagenhändlers, die bei Papas Mechanikern nicht nur Wissenswertes über Motoren gelernt hat. Die Band Zodiac Mindwarp hat in ihrem Lied Backseat Education diesen Bildungszweig einst gewürdigt.

An derlei Rock-'n'-Roll-Klischees delektieren sich The Kills hingabevoll, obwohl Ash & Ice ihr bisher ruhigstes Album ist. Und es dauert vergleichsweise lang. Anders als bei Mossharts übersteuertem Nebenprojekt mit Jack White (The Dead Weather) gibt sie sich bei The Kills abgeklärter. Sie singt über schlechte Angewohnheiten, Verzweiflung und Kröten, die es zu schlucken gilt.

Übersetzt wird das in Rockmusik, die alt und neu zugleich klingt und mit Titeln wie Bitter Fruit mit geheimen Hits aufwartet. Im ruhigsten Lied des Albums, That Love, setzt sich gar jemand ans Klavier und lässt Mosshart vorne über eine Fucked-up-Love balladieren. Hübsch. Doch das bleibt die Ausnahme.

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Den Rest des Albums bestreiten sie mit einer Musik, die in keinem Biker-Club unangenehm auffallen würde. Obschon todschick angetan, geben sich The Kills streetsmart, verwegen, zum Faustkampf bereit. Dass natürlich nur drüber gesungen wird, das gehört in der Kunst so. Die Gitarre surft zu diesen Fantasien, spielt den Twang, den Lee Hazlewood einst Duane Eddy und der Welt geschenkt hat. Das ist 60 Jahre her, The Kills beweisen, er funktioniert immer noch. (Karl Fluch, 31.5.2016)

  • Jamie Hince und Alison Mosshart sind The Kills. Sie spielen minimalistischen Rock mit schweren Zeichen. Gleichzeitig sind sie todschick. Das geht sich auf "Ash & Ice" wieder einmal aus.
    foto: kenneth cappello

    Jamie Hince und Alison Mosshart sind The Kills. Sie spielen minimalistischen Rock mit schweren Zeichen. Gleichzeitig sind sie todschick. Das geht sich auf "Ash & Ice" wieder einmal aus.

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