Boateng über Beleidigung durch AfD: "Traurig, dass so etwas noch vorkommt"

30. Mai 2016, 14:41
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Nachdem sich AfD-Vize Gauland rassistisch über den deutschen Nationalspieler geäußert hatte, gingen die Wogen hoch

Berlin – Zwei Wochen vor Beginn der Fußball-EM sorgt eine Aussage des stellvertretenden Chefs der Alternative für Deutschland, Alexander Gauland, über den deutschen Nationalspieler Jérôme Boateng für Aufregung und löste in Politik und sozialen Netzwerken eine Welle der Empörung aus.

Boateng, als Sohn einer deutschen Mutter und eines aus Ghana stammenden Vaters in Berlin geboren und aufgewachsen, werde zwar als Spieler in der Nationalmannschaft geschätzt, doch das bedeute nicht, dass er nicht als fremd empfunden werde, sagte Gauland im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben."

Boateng reagiert gelassen

Boateng reagierte auf die Beleidigung zwar gelassen, hielt in einem ARD-Interview nach dem Länderspiel zwischen Deutschland und der Slowakei am Sonntagabend aber fest, es sei "traurig, dass so etwas heute noch vorkommt".

Der Verteidiger von Bayern München betonte in dem Interview auch, dass im Augsburger Stadion genug Leute "eine sehr schöne Antwort" auf Gaulands Äußerung gegeben hätten.

foto: reuters/michaela rehle
"Jérôme, sei unser Nachbar", hielten Anhänger Boatengs am Sonntag im Augsburger Stadion hoch.

Tatsächlich waren im Stadion zahlreiche Sympathiebekundungen zu sehen, darunter "Jérôme, sei unser Nachbar" und "Jérôme, zieh neben uns ein".

foto: afp photo/andreas gebert
Auch andere Fans wünschten sich, dass Boateng bei ihnen wohnt.

"Frauke Petry, du bist so sexy, wenn du lügst"

Nach harter Kritik an Gauland entschuldigte sich AfD-Chefin Frauke Petry in der "Bild"-Zeitung" für dessen Aussagen: "Herr Gauland kann sich nicht erinnern, ob er diese Äußerung getätigt hat. Ich entschuldige mich unabhängig davon bei Herrn Boateng für den Eindruck, der entstanden ist." Auch auf Twitter äußerte sich Petry versöhnlich.

Als Reaktion auf Petrys Twitter-Statement veröffentlichte der Rapper Eko Fresh ein ihr gewidmetes Lied und schrieb auf Twitter: "Frauke Petry, du bist so sexy, wenn du lügst."

eko fresh

Gauland: "Habe Herrn Boateng nie beleidigt"

Gauland erklärte am Sonntag in einer Pressemitteilung: "Ich habe nie, wie die 'FAS' insinuiert, Herrn Boateng beleidigt. Ich kenne ihn nicht und käme daher auch nicht auf die Idee, ihn als Persönlichkeit abzuwerten." Er habe sich in dem Hintergrundgespräch mit der Zeitung "an keiner Stelle über Herrn Boateng geäußert, dessen gelungene Integration und christliches Glaubensbekenntnis mir aus Berichten über ihn bekannt ist".

Die Zeitung verwies hingegen darauf, dass zwei ihrer Berliner Korrespondenten die entsprechende Aussage aufgezeichnet hätten. Am Abend räumte Gauland in der ARD ein, Boatengs Name möge gefallen sein. Gegen die Überschrift des "FAS-"Artikels ("Gauland beleidigt Boateng") wolle er dennoch juristisch vorgehen, "denn ich habe Herrn Boateng überhaupt nicht bewertet oder abgewertet".

Gauland fühlt sich wegen seiner Äußerungen jedenfalls zu Unrecht an den Pranger gestellt, hält jedoch an seinem Verständnis für Menschen mit fremdenfeindlichen Ressentiments hält Gauland fest. "Ich bin natürlich kein Rassist", sagte Gauland am Montag der Deutschen Presse-Agentur. Auf die Frage, ob denn Menschen, die Vorbehalte gegen Nachbarn mit ausländischen Wurzeln haben, Rassisten seien, sagte er: "So weit würde ich nicht gehen."

Justizminister: "Äußerung niveaulos und inakzeptabel"

Politiker mehrerer Parteien empörten sich über Gaulands Äußerung. Justizminister Heiko Maas bezeichnete sie als "niveaulos und inakzeptabel": "Wer so redet wie Gauland, entlarvt sich selbst – und zwar nicht nur als schlechter Nachbar", schrieb Maas auf seiner Facebook-Seite. "Die Aussagen sind schlicht rassistisch und menschenverachtend."

"Ich hätte Jérôme Boateng sehr viel lieber in der Nachbarschaft als Alexander Gauland", sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Julia Klöckner von der CDU bezeichnete Gaulands Verhalten als typisches Afd-Muster.

SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte, viele empörten sich über Gaulands Bemerkung als fremdenfeindlich: "Boateng ist aber kein Fremder, sondern Deutscher." Das zeige, dass Gauland nicht nur gegen Fremde, sondern auch gegen das Gute an Deutschland sei: Modernität, Weltoffenheit und Liberalität. Gabriel zog daraus den Schluss: "Gaulands AfD ist auch deutschfeindlich."

Innen- und Sportminister Thomas de Maizière sagte der "Bild", anders als die AfD setze Boateng mit seinem vielfältigen sozialen Engagement neben dem Platz wichtige Impulse für den Zusammenhalt Deutschlands: "Jeder Deutsche kann sich glücklich schätzen, solche Leute zu haben, als Teamgefährte, deutscher Staatsbürger und als Nachbar."

DFB: "Wir sind Vielfalt"

Der Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB), Reinhard Grindel, nannte es "einfach geschmacklos", die Popularität Boatengs und der Nationalmannschaft "für politische Parolen zu missbrauchen". Millionen Menschen liebten die Mannschaft, "weil sie so ist, wie sie ist". Boateng sei "ein herausragender Spieler und ein wunderbarer Mensch", der sich gesellschaftlich stark engagiere und für viele Jugendliche ein Vorbild sei. Auf seiner Website und seiner Facebook-Seite reagierte der DFB zudem mit einer Videobotschaft.

Auch der Manager der deutschen Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, wandte sich gegen Gaulands Äußerung: "Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir mit solchen Aussagen konfrontiert werden. Sie bedürfen keiner weiteren Kommentierung, die Personen diskreditieren sich von alleine."

Vergangene Woche hatten sich bereits Anhänger der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung in sozialen Netzwerken abschätzig über Boateng geäußert. Anlass war eine Sonderedition des "Kinderschokolade"-Herstellers Ferrero, der anlässlich der Fußball-EM Verpackungen mit Kinderbildern deutscher Nationalspieler bedruckte.

foto: apa/dpa/christoph schmidt
"Kinderschokolade"-Hersteller Ferrero brachte anlässlich der EM eine Sonderedition heraus.

(red, APA, Reuters, 30.5.2016)

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