Ein Frauenmord in Gangnam als weiterer Zufall

30. Mai 2016, 07:00
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Ein Verbrechen wühlt Südkoreas Gesellschaft auf: Sie fragt sich erstmals, wie sie mit ihren Frauen umgeht

Natürlich ist es kein Zufall, dass diese Geschichte in Gangnam ihren Anfang nimmt, jenem Seouler Nobelbezirk, dem bereits 2012 in der weltweiten K-Pop-Hymne ein musikalisches Denkmal gesetzt wurde. "Gangnam-Style", das ist die Welt von weißhemdigen Büromännern und tätowierten Rich Kids in grellen Cabrios. Frauen sind hier lediglich Abziehbilder patriarchaler Fantasien: Sie schleppen morgens die Kaffeebecher in die Büros, huschen tagsüber mit Sonnenbrillen aus den Schönheitskliniken und bieten nachts ihre Dienste in Massagesalons an.

Seit vergangenem Dienstag jedoch ist der ikonische Bezirk auch zum Symbol dafür geworden, wie Südkoreas Frauenwelt die lang verschwiegene Misogynie ihrer Gesellschaft öffentlich anklagt. In der Nacht des 17. Mai hat sich hier ein 34-jähriger, psychisch kranker Mann in die Unisex-Toilette eines Karaokesalons eingeschlichen. Videoaufnahmen zeigen, wie mehrere Männer den Ort aufsuchen, ohne dass etwas passiert. Dann jedoch betritt eine 23-jährige Studentin den Raum. Ohne erkennbares Motiv sticht der Ex-Theologiestudent die ihm unbekannte Frau zu Tode. "Weil Frauen mich mein ganzes Leben lang nur ignoriert haben", wird er bei der Polizeivernehmung sagen.

Tausende Trauernde

Für gewöhnlich hätte es die Nachricht kaum über die Panoramaspalten der Tageszeitungen geschafft. Tatsächlich ist nur schwer zu erklären, warum ausgerechnet jene Gewalttat für viele Südkoreanerinnen das Fass zum Überlaufen brachte. Um Antworten zu finden, muss man nach Gangnam, zum U-Bahn-Ausgang Nummer 10, nicht weit vom Tatort entfernt.

Bereits am nächsten Morgen errichten hier tausende Trauernde einen öffentlichen Altar. Sie legen gelbe Chrysanthemen nieder und pflastern die Glasfassade des U-Bahn-Ausgangs mit kleinen Klebezetteln zu. "Wenn sie nur deswegen getötet wurde, weil sie eine Frau ist, dann bin auch ich nur eine weitere Frau, die Glück gehabt hat, am Leben zu sein", steht auf einem geschrieben.

Gefährdete Frauen

Die 22-jährige Kim Se-jeong kommt noch immer jeden Mittag an den Ort. Während die Angestellten in die Restaurants hetzen, hält sie demonstrativ ein Schild. "Wir Frauen müssen nun gemeinsam handeln" steht darauf. "Endlich ist die Zeit gekommen, in der es darum geht, öffentlich für unsere Rechte einzustehen", sagt Kim.

Lange wurde verschwiegen, was in nüchternen Statistiken längst erfasst ist: Frauen werden in Südkorea mehr als achtmal so häufig Opfer von schwerwiegenden Gewaltdelikten. Trotz vergleichsweise niedriger Kriminalitätsraten zählt das Land zu einer Handvoll, in denen mehr Frauen als Männer durch Mord und Totschlag umkommen. "Fast jede junge Frau, die ich kenne, wurde in ihrem Leben bereits Opfer von Gewalt – nur weil sie eine Frau ist", schrieb eine bekannte Kolumnistin in der linksgerichteten Tageszeitung Hankyeoreh.

Kein Hassverbrechen

Viele Feministinnen fühlen sich in ihrer Anklage durch die Seouler Polizei bestätigt. Nur wenige Tage nach dem Mordfall erklärte sie, dass es sich nicht um ein sexistisch motiviertes Hassverbrechen handeln würde, sondern dass die Tat lediglich von einer psychischen Krankheit ausgelöst würde – ohne zu erklären, wo die Trennlinien verlaufen.

"Bei manchen Feministen hat man den Eindruck, dass sie darauf gewartet haben, dass so etwas Schreckliches passiert", so Moon Hoon-jin, der täglich nach Gangnam zur Englischnachhilfe geht. Der 25-Jährige spricht aus, was viele Koreaner denken: "Als Mann steht man mittlerweile unter Generalverdacht, ein Gewalttäter zu sein. Die Diskussion ist längst übers Ziel hinausgeschossen." (Fabian Kretschmer aus Seoul, 30.5.2016)

  • Kim Se-jeong steht noch immer jeden Mittag an der Gedenkstätte.
    foto: fabian kretschmer

    Kim Se-jeong steht noch immer jeden Mittag an der Gedenkstätte.

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