"Kulturmontag" auf ORF 2: Die Tugend des Alters

30. Mai 2016, 07:12
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Die Doku "Der Spanische Meister – Das schmutzige Geschäft mit gefälschten Antiken" zeigt Gesichter, denen man nicht trauen sollte

Diesen Gesichtern sollte man nicht trauen. Nur ein paar davon sind echt, weiß Christoph Leon. Mit Kennerblick scannt er sie. "Sie verraten sich immer an den Haaren! Bei den Nasen geht's noch", sagt er. Und: "Stinkfalsch!" Und: "Es ist direkt lächerlich!" Nein, die Rede ist hier nicht von kosmetischen Tricksereien alterungsunwilliger Dam- und Herrschaften. Sondern von geradezu gegenläufigem Begehr: gewünschtem Verfall. Leon ist Antikenhändler und blättert durch einen internationalen Auktionskatalog alterungsbegieriger Objekte: gefälschte Bronzen.

Südeuropa ist ein Paradies für die Freunde jahrtausendealter Säulentrommeln und Friese. Aber auch Ursprung eines Schreckens für Experten. "Spanischen Meister" nennen sie den Fälscher, der bisher 40 Kaiser Augustusse, Alexanders usw. auf den Markt gebracht haben soll. Oft schlicht zu schöne, um wahr zu sein.

Die Doku Der Spanische Meister – Das schmutzige Geschäft mit gefälschten Antiken hat sich an die Hinterköpfe ein paar dieser Schädel geheftet: New York, Halle, Schweiz heißen die Stationen. Zu Wort kommen Kenner, Händler, Ermittler, Museumsleute. Denn das Business mit dem gut erhaltenen Alten ist neben international auch einträglich. Besonders in den letzten finanzmarkttechnisch unsteten Jahren sind Antiken zur Anlage geworden. Zudem verlangt deren Einfuhr weniger Zertifikate als jene von Wurst.

Dabei ist es keineswegs wurscht, woher sie kommen und was sie sind. Denn wollen wir eines Tages wirklich Aug in Aug vor lauter gefaktem Menschheitszeugnis stehen?

Als reichten falsche Duckfaces und Botoxstirnen auf der Straße nicht schon. (Michael Wurmitzer, 30.5.2016)

"Der Spanische Meister – Das schmutzige Geschäft mit gefälschten Antiken", Montag, 23.25 Uhr, ORF 2

  • Der Schweizer Kunsthändler Christoph Leon sagt: bis zu 50 Prozent der Antiken auf dem Kunstmarkt sind gefälscht.
    foto: orf/deutsche welle

    Der Schweizer Kunsthändler Christoph Leon sagt: bis zu 50 Prozent der Antiken auf dem Kunstmarkt sind gefälscht.

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