Händler fürchten grenzenloses Onlineshopping

30. Mai 2016, 06:00
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Die EU will nationale Barrieren im Internethandel abbauen. Der Handelsverband ist alarmiert

Wien – Grenzenlos shoppen: Was das Internet in Europa verspricht, hält es nicht. Wer online einkauft, stößt in der EU rasch auf hohe Barrieren. Kunden einzelner Nationalitäten werden kurzerhand ausgesperrt. Händler bieten über manch Landesgrenze hinaus schlechtere Konditionen oder blockieren gar ganze Seiten. Konsumenten werden zu landesspezifischen Plattformen umgeleitet oder scheitern an der Bezahlmethode. So akzeptieren Anbieter mitunter nur Kreditkarten auserwählter Länder.

Geht es nach der EU-Kommission, ist mit Diskriminierung auf Online-Portalen bald Schluss. Das sogenannte Geoblocking soll 2017 aus dem Weg geräumt werden. Ein entsprechender Entwurf liegt seit Mittwoch vor – mit dem Ziel, dass künftig jeder Europäer in der EU digital überall zu gleichen Bedingungen und Preisen kaufen darf.

Noch ist es mit dem grenzüberschreitenden Einkaufen nämlich nicht weit her. Nur 15 Prozent der Europäer tun es, da es vielen teuer und aufwendig erscheint. Aus gutem Grund: Eine Erhebung der Kommission zeigt, dass bei Mystery-Shopping mehr als 60 Prozent der Versuche misslangen, auf ausländische Webshops zuzugreifen.

"Entwurf mit Sprengkraft"

Die Begeisterung der nationalen Einzelhändler ob der neuen Vorschläge ist jedoch enden wollend. Vor allem die Österreicher haben Bedenken und warnen vor enormer Sprengkraft, die das Maßnahmenpaket der EU birgt.

Rainer Will, Chef des Handelsverbands, der die Interessen von 100 Unternehmen mit Umsätzen von in Summe 16 Milliarden Euro vertritt, bezeichnet den Kommissionsentwurf als weltfremd. "Dieser klingt zwar gut", sagt Will dem STANDARD, "geht aber völlig in die falsche Richtung." Er überfordere vor allem kleine und mittlere Betriebe und würge Versuche ab, erste Verkäufe ins Ausland zu tätigen. Aus seiner Sicht braucht es erst einheitliche Systeme rund um die Mehrwertsteuer und faire, harmonisierte Spielregeln, ehe dazu übergegangen werden könne, alle EU-Kunden gleichzubehandeln.

Der Handelsverbandschef hat eine ganze Liste an Ungleichheiten parat, die Österreichs Händler im Wettlauf mit internationalen Onlineriesen ins Abseits drängen.

Da sind zum einen Hilfslager, die viele große Player hierzulande unterhalten. Diese gelten als keine Betriebsstätten, sind also nicht steuerpflichtig. Will sieht darin eines der Hauptprobleme. "Steuer muss dort gezahlt werden, wo die Kunden sind." Österreichs Händler zahlten 25 Prozent auf den Ertrag. Mancher internationale Onlineanbieter käme je nach Sitz nur auf ein bis zwei Prozent.

Billiger Versand aus China

9000 Euro koste es einen kleinen österreichischen Webshop im Jahr, um sich an andere nationale Gesetze anzupassen. Weitere 5000 Euro gingen für die Administration der Mehrwertsteuer drauf. So braucht es Wills Ansicht nach erst einmal hier Angleichungen, bevor der Handel mit neuen Vorgaben konfrontiert werden könne. Wie etwa mit der Ratenzahlung, die im Sinne Brüssels künftig europaweit gewährt werden müsse. "Betriebswirtschaftlich ist das unmöglich."

Dorn im Auge sind ihm auch die Zollgebühren. Händler aus asiatischen Staaten etwa, die nach wie vor als Entwicklungsländer deklariert werden, sind davon befreit. Der Versand aus China ließe sich um 1,7 Euro abwickeln, während Händler in der EU teils mit höheren Frachtkosten konfrontiert seien. Abgesehen davon, dass unter der Türschwelle Millionen an Packerln in die EU kämen, für die es oft keine Qualitätssicherung gäbe.

Geld verdienen lässt sich in Österreich mit Webshops bisher nur wenig, sagt Will. Zu stark sei der internationale Wettbewerb. Vier von fünf Händlern würden offen zugeben, dass sie beim rasanten Tempo der digitalen Entwicklung nicht mithalten könnten. "Nach wie vor investieren viele lieber 500.000 Euro in eine neue Filiale als 50.000 in digitale Projekte." Letztlich profitiere der stationäre Handel aber stark von der Wechselwirkung mit Onlineshops. "Auch Radfahren lernt man nicht in einer Stunde." (Verena Kainrath, 30.5.2016)

  • Lagerhallen statt Geschäfte: Die Arbeitswelt des Einzelhandels ist im Umbruch. Die uneinheitlichen Spielregeln in Europa bergen Zündstoff.
    foto: reuters/neil hall

    Lagerhallen statt Geschäfte: Die Arbeitswelt des Einzelhandels ist im Umbruch. Die uneinheitlichen Spielregeln in Europa bergen Zündstoff.

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