"Islamischer Staat": Es ist noch lange nicht vorbei

Kommentar29. Mai 2016, 17:46
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Der Niedergang des IS bedeutet nicht das Ende der Gefahr

Zwei Jahre nachdem der "Islamische Staat" (IS) Teile Syriens und des Irak im wahrsten Sinn des Wortes mit fliegenden Fahnen übernommen hat, scheint sein territoriales Projekt infrage gestellt: Das auf den Landkarten auszumachende "Staatsgebiet", dessen äußere Ränder – nie das ganze Gebiet – der IS kontrollierte, ist nicht nur geschrumpft, auch die irakisch-syrische Grenze, die quer durch dieses Gebiet verläuft, ist wieder sichtbar. Der Zulauf zum IS aus aller Herren Ländern nimmt signifikant ab und damit nicht nur die Kämpferschar, sondern auch das potenzielle "Staatsvolk", das die übernationale Utopie leben sollte. Die Führungsriege ist dezimiert, wichtige IS-Logistiker wurden getötet, die nicht so leicht nachzubesetzen sind.

Weshalb will sich dennoch keine Erleichterung einstellen? Zuallererst wohl, weil Daesh – so das arabische Akronym – selbst ein Produkt eines Niedergangs war: Die Vorgängerorganisation wurde als "Al-Kaida im Irak" nach der US-Invasion und dem Sturz Saddam Husseins 2003 gegründet. 2006 nannte sie sich in "Islamischer Staat im Irak" um, der nach einer Zeit der Schwäche den syrischen Bürgerkrieg zur Wiederauferstehung nützte und sich später von Al-Kaida lossagte.

In Syrien ist heute bereits zu beobachten, dass Al-Kaida vom Druck, der auf den IS gemacht wird, profitiert. Zwar findet in der zu Al-Kaida gehörenden syrischen Nusra-Front ein Richtungsstreit statt: zwischen den extremen Positionen jener, die ein Al-Kaida-Emirat gründen wollen – natürlich ist das eine Ansage an den "Islamischen Staat" -, und anderer, die sich aus rein politisch-pragmatischen, nicht ideologischen Gründen gerne von Al-Kaida distanzieren würden. Aber was am Ende auch herauskommt, es wird nichts sein, das einen gut schlafen lässt.

Wo ein Vakuum entsteht – oder auch nur erste Risse im Gemäuer -, wachsen in einem Zerfallsszenario wie dem nahöstlichen neue Verdrängungskonflikte aus dem Boden. Niemand sollte erwarten, dass die halbwegs einträchtigen Fronten gegen den IS auch noch nach dessen Niederlage bestehen bleiben.

Das gilt umso mehr, als alle Probleme, die den Aufstieg des IS erst ermöglicht haben, noch in der Welt sind: von der großen globalen Ungerechtigkeit, als deren Verlierer sich viele Menschen im Nahen Osten fühlen, bis zu lokalen Gemengelagen im Irak und in Syrien. Wenn es etwa stimmt, dass der iranische Kommandant Qassem Soleimani die schiitischen Milizen beim Sturm auf Fallujah koordiniert, dann sollte man sich nicht wundern, dass sich ein Teil der sunnitischen Araber dort nicht befreien lassen will.

Auch wenn der IS einmal aus Fallujah und vielleicht auch aus Mossul und Raqqa vertrieben sein wird, wird es nicht vorbei sein. Daesh ist ein Meister der horizontalen Expansion: Experten erwarten gerade im in Kürze beginnenden Ramadan die Gründung von neuen IS-"Provinzen" in der islamischen Welt. Überall dort, wo der IS hingeht, erschließt er sich zuerst einmal neue Personalressourcen.

Bleibt noch die Frage, was – außer immer noch mehr Flüchtlinge – das für Europa bedeutet. Der IS-Aufruf an seine europäische Gefolgschaft, zu Hause zu bleiben und zu "kämpfen", ist ernst zu nehmen. Die Terrorismusgefahr wird uns weiter begleiten. Und ebenso wie die Angst vor dem IS ist jene vor denen berechtigt, die als Antwort auf die Radikalen unsere liberalen Gesellschaften radikalisieren wollen. (Gudrun Harrer, 29.5.2016)

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