Schwerenot im Theater der Vergeblichkeiten

Infografik29. Mai 2016, 18:00
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Das Strukturbild des Finales der Champions League 2015/16 zwischen Real Madrid und Atlético Madrid dokumentiert den über weite Strecken "verkehrten" Verlauf der Begegnung

Aufgrund des frühen Führungstors von Real durch Sergio Ramos (15.) war Atlético zu aktiver Spielgestaltung gezwungen. Da dieser Stil den Rotweißen aber nicht auf den Leib geschneidert ist, brauchte es gebührend Anlaufzeit und eine taktische Umstellung in der Pause, um in Fahrt zu geraten.

Die Grafik zur taktischen Typologie setzt die Rollen der Spieler ins Verhältnis zur Performance ihrer Teams. Sämtliche Werte des Passspiels (x-Achse) bzw. des Zweikampfverhaltens (y-Achse) werden über den Wert 1 normalisiert. Die Anzahl der Pässe setzt sich aus gegebenen und angenommenen Pässen zusammen, die der Zweikämpfe aus aktiven, passiven, ungerichteten Zweikämpfen. Der Wert des Einzelspielers weist seine Position innerhalb der Gesamtperformance aus und verortet ihn in Bezug auf seine taktischen und spielerischen Aufgaben.

Der eingewechselte Yannick Carrasco (79.) erwies sich mit seiner quirlig-vertikalen Lästigkeit als würziges Ergänzungsmittel im Atlético-Spiel und rettete seine Truppe mit dem Ausgleichstreffer in die Verlängerung. Real wiederum schlüpfte taktisch in die angestammte Rolle des Stadtrivalen und verlegte sich auf Konterfußball, wofür im pfeilschnellen Sturmtrio aus Gareth Bale, Karim Benzema und Cristiano Ronaldo ausreichend Potenzial vorhanden gewesen wäre. Richtig zünden wollten die Turbos der "BBC" genannten großen Drei allerdings nur ansatzweise.

Hüben wie drüben vollzog sich an diesem Abend ein Theater der Vergeblichkeiten, das nicht nur der taktischen Inversion, sondern auch dem allgemeinen Schwinden der Kräfte beim Laufen geschuldet war.

Die Spielzüge, Pässe und Zweikämpfe werden codiert, statistisch und netzwerkanalytisch ausgewertet und interpretiert. Das Passnetzwerk bildet die Ballwege zu den drei wichtigsten Partnern jedes Spielers ab, die Kreisgrößen zeigen die Summe der Pässe.

Der Wille zur Grazie des Weißen Balletts verhedderte sich in Müdigkeit und Schwerenot, während sich Atlético mit zunehmend verzweifelndem Mut auf die Suche nach jener Lücke machte, die der sprichwörtliche Teufel selbst in königlichen Viererketten manchmal lässt.

Das dynamische Atlético-Dreieck mit Gabi, Koke und Antoine Griezmann bemühte sich nach Kräften um taktgebende Wirkung sowie spielerische Kompensation des im breiten Schatten seiner Leibwächter verkümmernden Stürmers Fernando Torres.

Die Analysen werden von einer chronologischen Aufzeichnung des Spielverlaufs begleitet, die in Abstände von fünf Minuten zerlegt, die Anzahl der Pässe und der Zweikämpfe der beiden Mannschaften veranschaulicht und so die Aktivitätskurve der Mannschaften am Ball und "am Mann" über die gesamte Spielzeit verdeutlicht.

Auf der anderen Seite brockte sich Real das Nachsitzen im Elfmeterschießen, das Ronaldo beenden sollte, durch Fahrlässigkeit im Abschluss selbst ein. Am Ende waren sie schließlich alle — ob überglücklich oder todtraurig – einfach nur froh, dass es zu Ende war. (Helmut Neundlinger, 29.5.2016)

Die Analytiker

FAS.research mit Sitz in Wien und New York war schon bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 sowie bei der EM 2008 im Einsatz und analysiert für den STANDARD auch exklusiv die Spiele der EM.

Team: Harald Katzmair, Helmut Neundlinger, Ruth Pfosser, Andrea Werdenigg, Agnes Chorherr, Philipp Angermaier, Michael Schütz

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