"Stücke"-Festival: Im Zweifel für die Betroffenheit

29. Mai 2016, 16:09
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In Mülheim/Ruhr verblüffte man mit seltsamen Entscheidungen

Mülheim – Lange zierte sich die Jury, wem sie denn von den sieben nominierten Uraufführungen den ersten Preis geben sollte: "Glückstreffer" seien 2016 doch alle sieben ausgewählten Dramen gewesen. Doch das ist ein Euphemismus. Denn wenn das traditionsreiche Mülheimer "Stücke"-Festival ein Spiegel der Gegenwartsdramatik sein will, dann ist der Wettbewerb 2016 diesmal wohl gegen die Wand gefahren.

Die literarische Qualität von Ferdinand von Schirachs Terror kann man bezweifeln, aber inzwischen steht sein Gerichtsstück auf 20 Bühnen auf dem Spielplan. In Mülheim hingegen brachte es bis auf dosenfleisch von Ferdinand Schmalz keines der nominierten Stücke zu einer Zweitaufführung. Den routinierten Zugriff von Claus Peymann auf Peter Handkes Die Unschuldigen. Ich und die Unbekannte am Rande der Landstraße kann man beklagen, aber in Mülheim nicht einmal darüber diskutieren zu wollen befremdet.

Während Handke als großes Staatstheater im Burgtheater präsentiert wurde, hatten hingegen die nominierten Dramen sonst auf Nebenspielstätten oder Werkstätten nur ein recht kleines Publikum finden können. Selbst das Maxim-Gorki-Theater Berlin, das mit Sibylle Bergs Und dann kam Mirna und mit The Situation, Yael Ronens schwarzhumoriger Migrationsdeutschstunde, die vergnüglichsten Produktionen brachte, ist ein Kammerspieltheater.

Lob der Thematik

Bis auf Ronens mit den Schauspielern verschiedener Nationalitäten selbst erarbeiteten Text ist die aktuelle Flüchtlingsthematik ausgeklammert. Häufigstes Thema: Kinder und Kindesmissbrauch, etwa bei Thomas Melles Bilder von uns vom Theater Bonn, ein Missbrauchsskandal im örtlichen Aloisius-Kolleg. Melle war 2016 das einzige neue Gesicht, alle anderen in Mülheim alte Bekannte: Fritz Kater, Felicia Zeller, Sibylle Berg, auch Wolfram Höll, Yael Ronen und Ferdinand Schmalz.

Es wundert, dass gerade Franz Wille an dem doch etwas bieder gebauten Konversationsstück von Melle den meisten Gefallen fand. Wille, Redakteur von Theater heute, ist nicht nur in der Endjury, er war auch im Auswahlgremium, das von 90 Uraufführungen sieben nominiert hatte. Alle nominierten Stücke druckte er in seiner Zeitschrift Monat für Monat ab. Mülheim die Bühne eines Journals? In der letzten Runde hatte Wille dann die entscheidende Stimme für Höll abgegeben und sich auf die Seite des Münchner Dramaturgen Benjamin von Blomberg geschlagen. Diesem gefiel das Drama Drei sind wir gerade deshalb so gut, weil es Höll verstanden habe, sich als Koautor auf dem Theater zurückzunehmen.

Das Publikum entschied anders

Auch die oft unerträglich manierierte Inszenierung von Thirza Bruncken schien dem lyrischen Text Hölls wenig zu trauen und ihn unbedingt überformen zu müssen. Tatsächlich war es weniger der oft kaum verständliche Text, sondern vor allem der Stoff – eine Familie, die sich mit ihrem an Trisomie erkrankten, nur ein Jahr lebenden Baby nach Kanada zurückzieht –, der am meisten Eindruck machte. Jurorin Regina Guhl, ehemals Dramaturgin in Graz, konnte sich gegen Höll mit ihrem Votum für Bergs Und dann kam Mirna nicht durchsetzen. Doch die Mülheimer Zuschauer waren auf ihrer Seite und gaben dem mehrstimmigen Frauenmonolog den Publikumspreis, einer sarkastischen, theatralischen Zeitgeistkolumne, wohl auch wegen der Inszenierung Sebastian Nüblings und seines furiosen Frauenquartetts.

Warum das etwas tiefgründigere Theatervergnügen dosenfleisch von Ferdinand Schmalz unter den Tisch purzelte, ließ sich nicht nachvollziehen. Bei der Beliebigkeit der Jurorenurteile schien der Gewinner 2016 ein Glücks-, vor allem aber ein Zufallstreffer. (Bernhard Doppler, 29.5.2016)

  • Ging mit seinem hintersinnigen Theatervergnügen "dosenfleisch" leer aus in Mülheim: Ferdinand Schmalz.
    foto: heribert corn

    Ging mit seinem hintersinnigen Theatervergnügen "dosenfleisch" leer aus in Mülheim: Ferdinand Schmalz.

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