Sorge um Sicherheit vor Olympia in Rio

29. Mai 2016, 15:44
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Nach Zika-Epidemie, Korruption und zunehmender Gewalt schockiert nun die kollektive Vergewaltigung einer 16-Jährigen ganz Brasilien

Das Video dauert nur 40 Sekunden. Ein Vergewaltiger steckt die Zunge raus und macht ein Victory-Zeichen. Im Hintergrund liegt ein nacktes, blutendes, offensichtlich bewusstloses Mädchen. Mehr als 30 Männer sollen über eine 16-Jährige aus Rio de Janeiro hergefallen sein. Tausende Male wurde das Video auf Twitter geteilt und mit teilweise menschenverachtenden Kommentaren versehen. Erst später finden sich Nutzer, die das Verbrechen bei der Polizei anzeigen. Inzwischen sind mehr als 800 Strafanzeigen eingegangen. Trotzdem werden die Behörden erst nach Tagen tätig, zweifeln die Vergewaltigung zunächst öffentlich an.

Das Verbrechen schockiert viele Brasilianer, denn es berührt ein Tabuthema. Alle elf Minuten wird in Brasilien eine Frau vergewaltigt. 70 Prozent der Opfer sind minderjährig. Im Durchschnitt sterben pro Tag 13 Frauen an den Folgen von häuslicher Gewalt. Doch in den Medien wird selten über die Gräueltaten berichtet – erst recht nicht im Jahr der Olympischen Spiele.

Sorge um Gesundheit

Knapp zehn Wochen vor Beginn des Sportfestes ist von Vorfreude nichts zu spüren. In Rio grassiert das Zika-Virus, das von Mücken übertragen wird. Schon rund 5000 Babys wurden landesweit mit Schädelfehlbildungen geboren. Gerade erst forderten 150 Wis-senschafter in einem offenen Brief die Verschiebung Olympias. Sie sorgen sich um die globale Gesundheit.

Rios Bürgermeister Eduardo Paes, der die Spiele holte, versucht inzwischen nur noch den Schaden zu begrenzen und deutet das Event zu einer Chance für die Stadt um. Dabei sollte Olympia das von Armut und Gewalt geprägte Image der Metropole aufpolieren. Wohl ausgewählt sind deshalb die Wettkampfstätten im wohlhabenden Süden der Stadt, weit weg von den meisten Favelas.

Vorwürfe gegen Polizei

Dennoch rückt jetzt ein vielfach verschwiegenes Stück brasilianische Realität in den Blick der Weltöffentlichkeit. Erinnerungen an einen Fall vor zwei Jahren werden wach, als eine amerikanische Touristin in Rio sechs Stunden in der Gewalt ihrer Peiniger gewesen ist. Sie wurde ausgeraubt und von drei Männern vergewaltigt. Wenig später wurde eine Frau von einem Bewaffneten in einem Linienbus vergewaltigt, vor den Augen der anderen Fahrgäste. Trotz Überwachungskamera wurde der Täter nicht gefasst.

Auch im jetzt publik gewordenen Fall der kollektiven Vergewaltigung wähnten sich die Aggressoren in Sicherheit, brüsten sich in sozialen Netzwerken sogar mit der Tat. Obwohl vier der Täter identifiziert sind, befinden sich alle auf freiem Fuß. Die Anwältin des Mädchens macht der Polizei schwere Vorwürfe. Die Ermittler hätten ihre Mandantin zur Schuldigen gemacht, sagt Eloísa Samy zu Medien. Sie hielten sogar die Vergewaltigung für nicht bewiesen. "Man kann verstehen, dass so nur wenige Opfer ihre Vergewaltiger anzeigen", entrüstet sie sich. Die 16-Jährige schrieb derweil auf Facebook: Die Tat bereite ihr "mehr Schmerzen in der Seele als im Unterleib".

"Gewalt gegen Frauen ist leider immer noch Teil der brasilianischen Kultur", sagt María Cardoso Zapeter vom Nationalen Institut für Kriminalwissenschaften. Die Täter kommen in den meisten Fällen davon. "Die Straflosigkeit geht Hand in Hand mit der Gewalt", so die Soziologin. Von schärferen Gesetzen, wie sie Interimspräsident Michel Temer vorgeschlagen hat, hält Cardoso Zapeter nichts: "Dieser Aktionismus wird die Gewalt nicht eindämmen. Die Gesellschaft muss sich ändern." (Susann Kreutzmann aus São Paulo, 30.5.2016)

  • Demos gegen Gewalt an Frauen finden in Brasilien statt.
    foto: apa/afp/vanderlei almeida

    Demos gegen Gewalt an Frauen finden in Brasilien statt.

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