Per Eilzug ins Elysium und in die Romantik

29. Mai 2016, 15:29
5 Postings

Concentus Musicus und das Pittsburgh Symphony Orchestra

Wien – Das ging schnell! Nach einer guten Stunde war Beethovens Neunte schon wieder vorbei. Ob Diego Fasolis am Samstagabend nur möglichst wenig vom Champions-League-Finale verpassen wollte? Spaß beiseite: Natürlich merkte man dem Barockspezialisten an, dass er für dieses Werk glühte. Er leitete die Unternehmung in Feldherrenart, mit kantigen, explosiven Bewegungen suchte er das Musizieren des Concentus Musicus zu befeuern.

Nicht ohne Erfolg: Die Fortissimi im Kopfsatz waren von aggressiver Härte. Der Gesamtklang geriet hingegen etwas löchrig, in der Balance zwischen den Instrumentengruppen wirkten die Holzbläser benachteiligt. Der zweite Satz schnurrte feingliedrig ab, im Trio schienen die Bläser ob des hohen Tempos leicht überfordert. Überhaupt hatte man den Eindruck, dass man die Mitglieder des Concentus schon glücklicher hat musizieren sehen.

Geschminkt und gefuchtelt

Auch das Adagio molto e cantabile wurde zügig durchfahren, wichtige Tonartenwechsel wurden dabei ungerührt passiert. Das Piano war von handfester Art, kleine Crescendi gerieten oft drastisch geschminkt. Eilig, mit Zug zum Tor wurde auch der Finalsatz angegangen, den der Schoenberg-Chor mit Wärme und Leuchtkraft belebte. Das Solistenquartett (Genia Kühmeier, Wiebke Lehmkuhl, Steve Davislim, Luca Pisaroni) agierte unter dem fuchtelnden Dirigat von Fasolis etwas überdreht.

Die Darbietungen der Neunten hätten den Beethoven-Zyklus des verstorbenen Nikolaus Harnoncourt abschließen sollen. Fasolis deutete mit seiner Partitur am Ende gen Himmel: eine Referenz wohl auch an den Gründervater des Concentus. Jetzt ist durchatmen angesagt: In der nächsten Saison kehrt das Ensemble im Brahms-Saal unter der ruhigeren Leitung von Stefan Gottfried zurück zu seinen Barockwurzeln.

Zelebration und Linearität

Impulsiv auch das formidable Pittsburgh Symphony Orchestra unter Manfred Honneck: Nach Beethovens Ouvertüre zu Coriolan, op. 62, die prunkvoll, sanglich und delikat-romantisch zelebriert wurde, begab man sich – Feinheiten auslotend – zu Bergs Violinkonzert, das Leonidas Kavakos zunächst dunkel-elegisch anlegte, um sich im zweiten Satz der Dramatik abstrakter Linearität hinzugeben.

Markant vor allem aber Tschaikowskis sechste Symphonie. Honeck setzt auf flotte Gangart und Kontraste, in denen Filigranes und delikate Nebengedanken lebendig werden. Es drängt ihn aber auch, dramatische Extrembereiche aufzusuchen: Er lässt das Orchester im ersten Satz Linien regelrecht jauchzend ausphrasieren und reizte manche Stellen extrem wuchtig aus.

Die Blechbläser beanspruchen in dieser Auffassung eine wichtige Rolle, nicht nur im dritten Satz. Markant, interessant alles, schließlich auch plausibel: Im Schlussadagio wirkte das Sehnsuchtsmotiv des 5/4-Walzers nach den "Exzessen" umso logischer wie ein Träger von Resignation. Im zweiten Satz poetisch schwebend, taumelte es nun schwermütig abwärts Richtung Verstummen. (end, tos, 29.5.2016)

Share if you care.